Ludwig Miehle

Geboren: 21.05.1895, Augsburg

Gestorben: 01.10.1944, Kaufbeuren

Wohnorte

Augsburg, Lange Gasse 18
Augsburg, Pfärrle 23
Augsburg, Lindenstraße 23
Augsburg, Rugendasstraße 3a

Orte der Verfolgung

Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren

Weitere Informationen

Ludwig Miehle, geb. am 21.5. 1895, ermordet in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren am 1.10.1944

Ludwig Miehle ist der erstgeborene Sohn des aus Bergheim stammenden katholischen Fabrikschlossers Remigius Miehle und seiner Ehefrau Anna Antonie Teresa Miehle, geb. Trinkler. Die beiden haben am 6. Mai 1894 geheiratet.1 Ludwig kommt 12 Monate nach ihrer Hochzeit zur Welt.

Die Familie Miehle wohnt bis 1894 in der Langen Gasse 18, dann im Pfärrle 23, bis zum 2. April 1900 in der Lindenstraße 23 und ab diesem Zeitpunkt in der Rugendasstraße 3a.2

Michael, der Bruder von Ludwig Miehle, ist 10 Jahre jünger. Im Alter von 14 Jahren zieht er nach Jettingen. Es ist anzunehmen, dass er dort Arbeit gefunden hat.3

Nach dem Tod seiner Frau Anna Antonie am 11. März 1916 bittet Remigius Miehle um Aufnahme seines Sohnes Ludwig in die Anstalt Ursberg. Ludwig ist Epileptiker, zwergwüchsig, und als Folge der Epilepsie geistig beeinträchtigt. Sein Gang ist spastisch ataktisch. Er hat dunkelbraune Haare, ein schlechtes Gebiss und gedrungene Extremitäten.4 Ludwig hat die Hilfsschule besucht, kann lesen und schreiben. Im Allgemeinen ist er heiterer Stimmung, kann aber aufbrausen, wenn ihm Wünsche nicht erfüllt werden.

Dem Antrag seines Vaters auf Aufnahme des Sohnes in Ursberg wird aber nicht stattgegeben, so wohnt sein Sohn weiterhin bei ihm. Der Vater bemüht sich nach Kräften, dieser Herausforderung gerecht zu werden. Ab 1. August 1930 bezieht Remigius im Alter von 61 Jahren Invalidenrente.5

Am 22. September 1932 wird Remigius Miehle bzw. sein Sohn Ludwig beim Bezirksarzt der Stadt Augsburg anonym denunziert:

An den Herrn Bezirksarzt der Stadt Augsburg

In der Rugendasstraße, hier, Nr. 3 a wohnt ein gewisser Herr Miehle. Dieser besitzt einen in den dreißiger Jahren stehenden geistesschwachen […] Sohn, der entmündigt sein soll. Ob dieser wirklich entmündigt ist, weiß ich nicht. Nach meiner Ansicht gehört dieser Sohn der Erziehungsaufsicht des Vaters entzogen. Der Vater duldet nämlich, dass sein […] Sohn täglich sich im Wirtshause umhertreibt und sich dort betrinkt. Vermutlich in der Wirtschaft zum Thorbräu, Wertachbruckerstraße F107 treibt sich sein Sohn bis Abend 10 Uhr umher. In den letzten heißen Wochen saß er auch nachmittags drinnen und trank. Ist er dann angetrunken, politisiert in seinem Rausch und die Gäste treiben ihre Dummheiten mit ihm. Und der Vater duldet das. Ich wundere mich, dass der dortige Gastwirt Haider ihm immer wieder Bier bringt. Das Beste wäre für diesen Irrenschelm eine Anstalt. Dort wäre für ihn gesorgt – oder eine Alkoholiker-Entwöhnungsheim

Hochachtungsvoll

Ein täglicher Beobachter und Gast im Thorbräu6

Aufgrund der Denunziation wird der Vater am 5. Oktober 1932 beim Bezirksarzt Augsburg vorgeladen und ermahnt. Der Vater wehrt sich gegen die anonymen Anschuldigungen. Im Thorbräu sitze sein Sohn vor allem zur Unterhaltung. 1-2 Halbe Bier trinke er dort. Schließlich könne der junge Mann nicht permanent zu Hause sitzen. Manchmal errege er sich wegen der Politik. Sein Sohn habe ein lautes Organ, mache aber  kein Spektakel, wie der Wirt bestätigen könne. Wegen einer Gehirnhautentzündung sei er körperlich und geistig zurück geblieben.7

Der Bezirksarzt erteilt dem Vater eine Ermahnung wegen des Alkoholgenusses seines Sohnes, belässt diesen aber in der offenen Fürsorge und empfiehlt eine Beratung für Nerven- und Gemütskranke.8

Einige Jahre später, am 11. April 1939 wird Ludwig wegen eines Schlaganfalls ins Städtische Krankenhaus Augsburg eingewiesen. Als Folge bleibt eine Lähmung am rechten Fuß. Er kann kaum noch laufen.9 Als Anfang Juni 1944 Medizinalrat Dr. Messner eine Verschlechterung des körperlichen und psychischen Zustandes von Ludwig Miehle feststellt, wird er in die Heil- und Pflegeanstalt nach Kaufbeuren überwiesen. Am 6. Juli 1944 wird er dort aufgenommen. Weil er beim Gehen stark behindert ist, benötigt er beim Aus- und Ankleiden Hilfe. Er ist aber örtlich und zeitlich orientiert und verhält sich ausgesprochen kommunikativ. Er raucht viel, hat aber wenig Appetit. Sein Vater besucht ihn mehrfach in Kaufbeuren.10

Der Krankenbogen liest sich wie folgt:

25.9.1944: Patient geht in letzter Zeit geistig auffallend zurück. […] Auch seine Nahrungsaufnahme ist mangelhaft. Nur auf das Rauchen ist er sehr aus. Er musste ins Bett gelegt werden.11

1.10.44:  Die Untersuchung der Lunge ergab keine sichere Dämpfung, die Auskultation war kaum möglich, da Pat. die Aufforderung, kräftig zu atmen nicht befolgte. In den letzten Tagen ging Pat. immer stärker körperlich zurück, wobei vor allem seine starke Benommenheit auffiel. Heute früh, 8 Uhr 5 starb Pat.

Beerdigung 4.10.44 um 13 Uhr, 100 RM Beerdigungskosten vom Vater bezahlt.12

Ludwig Miehle wird in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren ermordet. Die Diagnose auf dem Leichenschauschein lautet auf Dystropia adiposa genitalis13 mit leichtem Schwachsinn. Todesursache: Bronchopneumonie. Ausdrücklich wird vermerkt, dass die Krankheit nicht erblich gewesen sei.

Die Diagnose ist in hohem Maße fragwürdig. Im Sektionsbericht findet sich für die Lungenentzündung das entsprechende Korrelat. Auch die akute Verschlechterung des Gesundheitszustandes ist nicht hinreichend belegt. An einer Dystrophia adiposogenitalis allein stirbt man im Allgemeinen nicht, es handelt sich ja um ein congenitales Hormondefizit. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass Ludwig Miehle an einer Überdosierung von Medikamenten verstarb.14

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, StD a.D., Gegen Vergessen – Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben, 86368 Gersthofen, Haydnstr. 53

  1. StadtAA, MK Remigius Miehle. Remigius Miehle ist am 15.9.1869 geboren, seine Frau Anna Antonie Teresa Miehle, geb. Trinkler am 21.6.1867 und verstirbt am 11.3.1916.
  2. StadtAA, MK Remigius Miehle.
  3. Ebenda. Michael Miehle, geb. am 25.2.1905, Wegzug nach Jettingen am 18.1.1919.
  4. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Patientenakte Miehle Ludwig, Nr. 14459.
  5. Ebenda. Bescheid des LVA Schwaben
  6. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Patientenakte Miehle Ludwig, Nr. 14459.
  7. Ebenda.
  8. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Patientenakte Ludwig Miehle, Nr. 14459.
  9. Ebenda.
  10. Ebenda.
  11. Laut dem ehemaligen Anstaltsdirektor Herrn Prof. Dr. Michael von Cranach fiel die Entscheidung, ihn zu töten, an diesem Tag.
  12. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Patientenakte Ludwig Miehle, Nr. 14459.
  13. Bei „Dystrophia adiposogenitalis“ handelt es sich um einen genetischen Defekt mit Hormonmangel betr. die sekundären Geschlechtsorgane, Fettleibigkeit, Impotenz beim Manne, Entwicklungsstörung häufig mit Minderwuchs, auch in intell. Hinsicht Verzögerung bis Mängel. Bislang keine spezif. Therapie möglich gewesen, zumindest nicht in NS-Zeiten. Mitteilung von Dr. Friedhelm Katzenmeier vom 3.7.2019.
  14. So übereinstimmend die schriftlichen Auskünfte von Dr. Friedhelm Katzenmeier vom 3.7.2019 und Prof. Dr. Michael von Cranach am 4.7.2019. Nach dem „Euthanasie“-Stopp vom August 1941 spielte Kaufbeuren in der Ermordung psychisch und körperlich Behinderter eine aktive Rolle. Sowohl in Kaufbeuren als auch in Irsee wurde je eine Tötungsstation für Erwachsene eingerichtet. Zudem wurde am 5. Dezember 1940 eine Kinderfachabteilung unter der Leitung Dr. Faltlhauser eröffnet. Da die Krankenschwestern Pauline Kneissler und Olga Rittler bereits zu Beginn der Aktion T-4 in den Tötungszentren eingesetzt waren und Erfahrung in der Tötung von Behinderten gesammelt hatten, nahmen sie im Zuge der „dezentralen Euthanasie“ in Kaufbeuren und Irsee Medikamententötungen vor. Vgl. hierzu: Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren Irsee, in: Stefan Dieter (Hrsg.), Kaufbeuren unterm Hakenkreuz, Thalhofen 2015, S.270-287.

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarten (MK)
Remigius Miehle

Historisches Archiv des Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren (Hist. Arch BKh Kaufbeuren)
Personalakte Nr. 14459

Götz Aly, Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte, Frankfurt 2014

Ernst Klee, „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die Vernichtung „unwerten Lebens“, Frankfurt, 3. Auflage 2018.

Michael Burleigh (Hg.), Tod und Erlösung. Euthanasie in Deutschland 1900-1945, Zürich 2002.

Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: Stefan Dieter (Hg.): Kaufbeuren unterm Hakenkreuz, Kaufbeurer Schriftenreihe Band 14, Thalhofen 2015, S. 270-287.

Ulrich Pötzl, Sozialpsychologie, Erbbiologie und Lebensvernichtung. Valentin Faltlhauser, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1995.