Leonhard Wanner

Geboren: 28.09.1913, Gersthofen

Gestorben: 15.04.1944, Russland

Weitere Informationen

Leonhard Wanner, geb. am 28. September 1913 in Gersthofen, röm.kath., Lokfahrer.
Mehrfach verhaftet/inhaftiert,
Politischer Gefangener, gefallen am 15.4.1944 in Russland

Leonhard Wanner ist der Sohn von Kreszenz1 und Leonhard Wanner2. Kreszenz bringt aus ihrer ersten Ehe mit ihrem verstorbenen Mann 4 Kinder mit, 2 Mädchen und 2 Buben3. Leonhards Schwester Kreszenz verstirbt 1921 am Tage ihrer Geburt4.

Im Alter von 26 Jahren heiratet er in Gersthofen kurz vor Kriegsbeginn die um 4 Jahre jüngere Gersthoferin Pauline Wittmann5 am 21. April 1939.

Zu dieser Zeit hat Leonhard bereits schlimmste Erfahrungen mit dem NS-Terrorregime gemacht. Mit 20 Jahren wird Leonhard in einer Razzia am 1.5.1933 in „Schutzhaft“ genommen, die Gewerkschaften werden am folgenden Tage aufgelöst6. Leonhard Wanner wird alsbald ins KZ Dachau eingeliefert7. Die Ortsgruppe der NSDAP führt ihn als „Funktionär der KPD“ 8, wie den Zimmermann und Verwandten Georg Kottmair9. Es ist anzunehmen, dass über die verwandtschaftlichen Bande ihr Engagement in der KPD zustande gekommen ist.

Beide waren wohl entsetzt über die horrende Anzahl von Arbeitslosen am Ende der Weimarer Republik und erhofften sich von ihrem Engagement in der KPD praktische wirtschaftliche Erfolge für die arbeitende Bevölkerung.

Frühzeitig wie Georg Kottmair und Anna und Josef Pröll erkennt der blutjunge Leonhard Wanner den menschenverachtenden Charakter der NSDAP und ihre rassistische Ausrichtung.

Zwar wird Leonhard Wanner am 31.5.1933 wieder aus dem KZ Dachau entlassen, aber am 18. August 1933 wird er erneut verhaftet und bleibt dort bis Silvester 193310. Die SS-Schergen haben dort seinen Charakter gebrochen.

Laut Aussage seiner Nichte Hannelore Schiller war Leonhard ein junger, schöner, schlanker, sportlicher Mann, er lehrt die Verwandtschaft das Schwimmen, will aber nie über seine Zeit im KZ sprechen, ganz ähnlich wie seine Mitleidensgenossen11.

Trotz Bedrängung durch seine Nichten und Neffen bleibt er schweigsam, aber es entgeht seinen Verwandten nicht, dass er den Rücken voller Narben hat12.

Ehe er ins KZ nach Dachau kommt, ist er im HJ Heim in Gersthofen eingesperrt. Seine Mutter Kreszenz bringt ihm Essen dorthin13.

Die NSDAP-Ortsgruppe hält Leonhard Wanner unter beständiger Observation. Am 11.1.1938 beantwortet die Ortsgruppe einen Fragebogen an die Gauleitung wie folgt:

Haben Sie in ihrem Ortsgruppenbereich politische Gegner (auch ehemalige), die auch jetzt noch gegen unseren Staat aufgestellt sind und sich nicht einwandfrei verhalten?

Meitinger Johann, Bahnhofstraße 28 Bauarbeiter bei Jos. Heindl, Lützelburg; (Hat für die Bewegung nichts übrig)

Schlund Johann Bauerngasse 10 IG Farben (Hat für die Bewegung nichts übrig)

Inhofer Johann Ludwig Hermannstraße 107 (Hat für die Bewegung nichts übrig)

Wanner Leonhard Hilfsarbeiter im Kies- und Schotterwerk, Funktionär der KPD (Dachau)

Kottmair Georg Ludwig Hermannstraße 35 Zimmermann bei der Gemeinde, Funktionär der KPD (Dachau)

Steber Xaver, Reichsautobahn, Eschenweg 12, Fa. Moll, Reichsautobahn: „ein gefährlicher Bursche“

Paulus Josef Augsburger Straße 120 , Fa. Moll, Reichsautobahn „ein gefährlicher  Bursche“, asozial

Hesse Raimund Hilfsarbeiter bei Sauer-Augsburg, KPD

Utz Johann L.Hermannstr.24 Hilfsarbeiter Kies- und Schotterwerk, SPD-Funktionär ablehnend

Sturm Johann Eichstraße 1, Gelegenheitsarbeiter, Gewerkschafts-Sekretär ?, SPD

Wagner Peter Schlageterstraße 14 Steinmetz, Vater/Senior der Kolpingfamilie

Hampp Anton Bauerngasse, selbständiger Bauer, radikaler Schwarzer

„Die sämtlich aufgeführten Personen stehen politisch nicht auf unserem Boden. Ihre weltanschauliche Einstellung ist dem Nationalsozialismus völlig fern, tun auch nichts dergleichen, sich anzupassen. Sämtliche stehen unter Kontrolle der Gendarmerie und sind auch der Geheimen Staatspolizei gemeldet“ 14.

Es gehört zur Perfidie des NS-Regimes, Oppositionelle an die vorderste Front zu versetzen. Dies geschieht auch im Fall von Leonhard Wanner. Am 15. April 1944 wird er beim Fronteinsatz in Russland getötet15. Zum Zeitpunkt seines Todes war er noch keine 31 Jahre alt.

Wir wollen mit dieser Biografie und mit einem Stolperstein an diesen unerschrockenen Mann erinnern.

 

Biografie erstellt von: Dr. Bernhard Lehmann, StD i.R., 86368 Gersthofen, Haydnstraße 53, Tel. 0821/497856 bernhard.lehmann@gmx.de

 

 

  1. Kreszenz Wanner, geb. Renner, geb. am 28.2.1881 in Unterwittelsbach, verstorben am 20.7.1965 in Gersthofen. Sie war in zweiter Ehe mit Leonhard Wanner verheiratet. Leonhard Wanner, der Vater des Opfers, ist am 3.8.1881 in Königsbrunn geboren. Er heiratet die verwitwete Kreszenz Modlmeier am 21.9.1912. Aus erster Ehe von Kreszenz Modlmeier geb. Renner hat Leonhard 4 Stiefgeschwister: Martin Modlmeier, geb. am 4.2.1906 in Gersthofen; Anton Modlmeier, geb. 1.4.1907 in Gersthofen; Kreszenz Modlmeier, geb. 20.6.1908, verst. am 9.4.1909 in Gersthofen, sowie Johanna Modlmeier, geb. am 29.7.1910 in Gersthofen, verh. Zinsmeister. Kreszenz Wanner hatte darüber hinaus zwei Totgeburten, 1905 und 1915.
  2. Stadtarchiv Gersthofen, Geburtenbuch Gersthofen Nr. 57/1913; Sterbebuch Nr. 13/1946
  3. Stadtarchiv Gersthofen, EWO-Karten Wanner Kreszenz, Leonhard, Sieglinde Anne
  4. Stadtarchiv Gersthofen, EWO-Karten Wanner Kreszenz, Leonhard, Sieglinde Anne. Kreszenz Wanner, geb. 15.2.1921. 
  5. Pauline Wittmann, geb. am 29.6.1917 in Gersthofen
  6. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/zerschlagung-der-gewerkschaften.html
  7. Auskunft KZ-Gedenkstätte Dachau
  8. Staatsarchiv Augsburg:  Fragebogen der NSDAP Ortsgruppe Gersthofen vom 11.1.1938 an die Gauleitung
  9. Der Sohn von Martin Modlmeier (Stiefbruder von Leonhard Wanner), Klaus Modlmeier, ist mit Georg Kottmairs Schwester Anna verheiratet. Wie Kottmair wohnt Leonhard Wanner in der Ludwig-Hermann-Straße 35a.
  10. Auskunft der KZ Gedenkstätte Dachau, Andre Scharf vom 8.6.2017
  11. Ähnliche Aussagen gibt es auch über Georg Kottmair, vgl. Biografie Georg Kottmair.
  12. Aussagen seiner Nichte Hannelore Schiller am 31.12.2018
  13. Aussagen Hannelore Schiller am 31.12.2018. Sie ist die Tochter von Johanna Modlmeier, der Stiefschwester von Leonhard Wanner.
  14. Staatsarchiv Augsburg:  Fragebogen der NSDAP Ortsgruppe Gersthofen vom 11.1.1938 an die Gauleitung. Auf der zweiten Seite des Fragebogens erfolgt eine Gesamteinschätzung der politischen Lage in Gersthofen: Fragebogen der NSDAP Ortsgruppe Gersthofen an die Gauleitung: Bemerkungen: Die Übersicht gibt ein anschauliches Bild über die Gliederung der Wähler bei der R.T.W. vom 6.11.1932. Die NSDAP war hienach in einer kleinen Minderheit. Inzwischen sind allerdings 5 Jahre vergangen. Die Einstellung der Gesamtbevölkerung unserer Bewegung gegenüber hat in den Wahlen der folgenden Jahre ein wesentlich anderes Bild ergeben. Die wenigen Prozente, die ausgefallen sind, dürften sich aus solchen Personen ergeben, die kehrseits aufgeführt sind, die Geistlichen eingeschlossen.

    Im Verlaufe der letzten beiden Jahre ist eine wesentlich günstigere Atmosphäre geschaffen worden, das Vertrauen in die politische Führung innerhalb der Gemeinde Gersthofen ist nach den gemachten Erfahrungen bedeutend stärker geworden. Die Hauptarbeit liegt auf dem Gebiete der weltanschaulichen Schulung. Die Erfassung der Einwohner in den Gliederungen ist gerade in den letzten beiden Jahren auch in Gersthofen so umfassend, dass nur ein Prozentsatz (Buchstabe A des Fragebogens) von ca. 1/4 Prozent übrig bleibt. Stempel: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Ortsgruppe Gersthofen

  15. Stadtarchiv Gersthofen, EWO-Karten (Wanner Kreszenz; Wanner Leonhard; Wanner Sieglinde Anne); Sterbebuch Gersthofen Nr. 13/1946

Stadtarchiv Gersthofen

KZ-Gedenkstätte Dachau

Staatsarchiv Augsburg:  Fragebogen der NSDAP Ortsgruppe Gersthofen vom 11.1.1938 an die Gauleitung