Leo Martin

Geboren: 25.11.1907, Cronheim

Gestorben: Datum nicht bekannt, Auschwitz

Wohnorte

Cronheim
Oettingen
Augsburg, Hermanstraße 3
Augsburg, Mozartstraße 5 ½

Orte der Verfolgung

Deportation
am 8. oder 9. März 1943
von Augsburg
über München-Berg am Laim
nach Auschwitz

Weitere Informationen

Leo Martin (Cronheim 1907 – Auschwitz 1943)

Cronheim ist der Geburtsort von Leo Martin, es liegt im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. 1910 lebten im Ort 512 Personen, darunter 56 Jüdinnen und Juden. Es gab eine Synagoge, eine jüdische Volksschule (ab 1922 Religionsschule) sowie ein rituelles Bad.1

Die Familie Martin war dort seit dem 18. Jahrhundert ansässig. Das erste bekannte Familienmitglied ist der 1763 geborene Handelsmann Selig Hirsch Martin.2 In welcher Beziehung dieser zu Leo Martin stand, konnte nicht geklärt werden.

Am 28. Juli 1877 wurde Heinrich Martin, der Vater von Leo Martin, geboren. Für ihn finden sich Berufsbezeichnungen wie Landwirt, Handelsmann, Viehhändler3 und Metzger4. Seine Eltern waren Schmaja Löw und Therese Martin, geb. Mandelbaum.5 Am 10. Mai 1906 heiratete Heinrich Martin Therese Selling, die Tochter von Leopold und Babette Selling, geb. Weismann, in Lehrberg im Landkreis Ansbach.6. Das Ehepaar engagierte sich stark in der jüdischen Gemeinde Cronheim: Heinrich Martin war 1924 Leiter des Wohltätigkeits- und Bestattungsverein mit acht Mitgliedern, seine Frau Therese leitete den israelitischen Frauenverein mit vierzehn Mitgliedern.7

Leo Martin wurde am 25. November 1907 geboren. Er war das einzige Kind von Heinrich und Therese Martin.8 Es lässt sich vermuten, dass Leo ab 1913 die jüdische Volksschule in Cronheim besuchte. Die Schulpflicht bestand vom 6. bis zum 12. Lebensjahr. Er wurde in folgenden Fächern unterrichtet, wobei die profanen Fächer dem staatlichen Lehrplan entsprechen mussten: Religion, Biblische Geschichte, Memorierübungen, Lesen, Übungen in Schönschreiben, Rechtschreiben, Aufsätze, Rechnen, „Weltkunde“, Gesang, Zeichnen, Handarbeit, gewerbliche und handwerkliche Buchführung sowie Heimatkunde, Geographie, Geschichte und Naturkunde.9

Es ist bekannt, dass Leo Martin dann eine weiterführende Schule besuchte, und zwar von 1918 bis 1922 die Königliche Realschule Gunzenhausen.10 Anscheinend legten die Eltern sehr viel Wert auf die Bildung ihres Sohnes. Ob Leo gern zu Schule ging, lässt sich nicht nachweisen.

Am 3. November 1930 zog die Familie Martin von Cronheim in das zwanzig Kilometer entfernte Oettingen.11 Heinrich Martin führte dort seinen Betrieb mit dem Namen „Heinrich Martin, Viehhandlung“ weiter. Leo Martin war nun Teilinhaber und wohnte bei seinen Eltern.12 Der Betrieb war mit einem PKW, zwei Pferden und einem Wagen13 zwar ein kleiner Betrieb, aber die Familie hatte ihr Auskommen. Sie bewohnte ein Anwesen zwischen dem Zwingertor und der Sonnengasse14 1932 traten Heinrich und Leo Martin dem Viehhändlerverein in Mittelfranken bei.15

In Oettingen lernte Leo Martin Frieda Hermann kennen. Sie war die Tochter des Viehhändlers Philipp Hermann und seiner Frau Therese.16. Man kann vermuten, dass Leo Martin Geschäftsbeziehungen mit Philipp Hermann pflegte, da er in dieser Zeit immer mehr den Betrieb seines Vaters übernahm. Am 30. November 1933 wurde die Zivilehe in Oettingen und am 3. Dezember die religiöse Hochzeit durch Rabbiner Dr. Ernst Jacob in Augsburg geschlossen.17

Das Ehepaar lebte zusammen mit den Eltern bzw. Schwiegereltern in Oettingen, wo am 1. Juni 1934 ihr erster Sohn Helmut geboren wurde.18

Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten begann auch für die Familie Martin die Ausgrenzung aus der Gesellschaft sowie die wirtschaftliche Ausbeutung. Nach dem Novemberpogrom 1938 musste Leo Martin am 23. Februar 1939 die sog. „Judenvermögensabgabe“ leisten, womit er seines Besitzes beraubt wurde.19. Er konnte die festgelegte Summe nicht komplett bezahlen20

Kurze Zeit später zogen Leo, Frieda und Helmut Martin sowie seine Eltern Heinrich und Therese Martin nach Augsburg in den dritten Stock der Hermanstraße 3. Die offizielle Abmeldung aus Oettingen erfolgte am 4. Mai 1939.21 Es konnte nicht geklärt werden, warum sie umzogen, es besteht aber die Möglichkeit, dass es sich um eine Zwangsumsiedlung handelte. Am 26. Februar 1941 kam Leo und Frieda Martins zweites Kind Danny im Augsburger Vincentinum zur Welt.22

Die Lebensumstände wurden unerträglich: Leos Vater Heinrich Martin versuchte sich am 10. April 1941 das Leben zu nehmen. Er sprang aus dem Fenster und starb an den Folgen am 12. April 1941 im Krankenhaus. Die im Leichenschauschein angegebene Todesursache Herz- und Kreislaufschwäche ist unwahrscheinlich.23 Im Sterbebuch werden andere Ursachen angegeben: Unterschenkelbruch, Oberschenkelbruch und Commotio.24 Ein ausdrücklicher Grund für seinen Selbstmordversuch ist nicht bekannt.

Vom 20. Dezember 1941 bis zum 3. März 1943 verrichtete Frieda Martin in der Ballonfabrik Augsburg Zwangsarbeit.25, Leo Martin bei einer Baufirma.26 Die Familie musste in Augsburg offenbar nochmals umziehen, denn in der Deportationsliste von 1943 ist als Adresse die Mozartstraße 5 ½ angegeben.27. Dabei handelte es sich um ein sog. „Judenhaus“, in das Jüdinnen und Juden ziehen mussten.28

Am 8./9. März 1943 wurden Leo, Frieda, Helmut, Danny und Therese Martin nach München-Berg am Laim gebracht und von dort am 13. März 1943 nach Auschwitz verschleppt.29 Danny war vermutlich das vorletzte im Dritten Reich in Augsburg geborene jüdische Kind. Niemand hat die Deportation überlebt. Auf der Deportationsliste findet sich auch Selma Martin, jedoch konnte keine direkte Verbindung zwischen ihr und der Familie nachgewiesen werden.30 Ihre Namen sind auf den Gedenktafeln im Augsburger Rathaus verzeichnet. Die Namen von Leo und Heinrich Marx sind auch auf einer der Tafeln aufgeführt, die von den Kirchengemeinden Cronheims zum Gedenken an die ermordeten jüdischen Cronheimer gestiftet wurden.31

Dies ist ein Auszug aus der Biografie, die von Leon Burges, Schüler des Oberstufenjahrgangs 2016/2018 am Paul-Klee-Gymnasium Gersthofen, im Rahmen des W-Seminars „Biografien von jüdischen Opfern des Nationalsozialismus im Großraum Augsburg“ im Fach Geschichte erarbeitet wurde.

  1. http://www.alemannia-judaica.de/cronheim_synagoge.htm (aufgerufen am 08.04.2019).
  2. StadtAGunz, E-Mail von Werner Mühlhäuser am 09.06.2017.
  3. Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017.
  4. StadtAGunz, E-Mail von Werner Mühlhäuser am 09.06.2017.
  5. StadtAGunz, E-Mail von Werner Mühlhäuser am 09.06.2017.
  6. StadtAGunz, E-Mail von Werner Mühlhäuser am 09.06.2017.
  7. http://www.alemannia-judaica.de/cronheim_synagoge.htm (aufgerufen am 08.04.2019).
  8. StadtAGunz, E-Mail von Werner Mühlhäuser am 09.06.2017.
  9. https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/J%C3%BCdisches_Schulwesen_in_Bayern_ (1804-1918) (aufgerufen am 08.04.2019).
  10. StadtAGunz, E-Mail von Werner Mühlhäuser am 09.06.2017.
  11. Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017.
  12. StAA, FA Augsburg, Einkommensteuerakte Heinrich Martin, 1930/31.
  13. Ebd.
  14. Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017. Das Anwesen wurde bei einem Bombenangriff auf Oettingen 1945 zerstört, siehe: Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017.
  15. StAA, FA Augsburg, Einkommensteuerakte Heinrich Martin, 1932.
  16. Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017.
  17. Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017: Kopie des Trauungsregisters der israelitischen Gemeinde Oettingen; Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017.
  18. Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017.
  19. StAA, Akt der Wiedergutmachungsbehörde.
  20. StAA, FA Augsburg, Einkommenssteuerakte Leo Martin, 1939.
  21. Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017: Kopie der Meldedokumente.
  22. Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941-1949 (Materialien zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007, S. 303.
  23. StadtAA, Leichenschauschein Heinrich Martin.
  24. StadtAA, Standesamt Augsburg, Eintrag Sterbebuch Heinrich Martin.
  25. Gernot Römer (Hg.), 2007, S. 303.
  26. Heimatmuseum Oettingen, E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017.
  27. http://statistik-des-holocaust.de/OT430313-10a.jpg (aufgerufen am 15.04.2019).
  28. Dominique Hipp, Judenhäuser und Deportationen aus Augsburg, Unveröffentlichte Magisterarbeit im Fach Neuere und Neueste Geschichte, Augsburg, 2012, S. 27-29.
  29. http://statistik-des-holocaust.de/OT430313-10a.jpg (aufgerufen am 15.04.2019).
  30. http://statistik-des-holocaust.de/OT430313-10a.jpg (aufgerufen am 15.04.2019).
  31. http://www.alemannia-judaica.de/cronheim_synagoge.htm#Fotos (aufgerufen am 15.04.2019).

Heimatmuseum Oettingen
– E-Mail von Dr. Petra Ostenrieder am 19.10.2017

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
Finanzamt Augsburg (FA Augsburg):
– Einkommensteuerakte Heinrich Martin, 1930/31
– Einkommensteuerakte Heinrich Martin, 1932
– Einkommenssteuerakte Leo Martin, 1939

Akt der Wiedergutmachungsbehörde

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
– Leichenschauschein Heinrich Martin
– Standesamt Augsburg, Eintrag Sterbebuch Heinrich Martin

Stadtarchiv Gunzenhausen (StadtAGunz)
– E-Mail von Werner Mühlhäuser am 09.06.2017

http://www.alemannia-judaica.de/cronheim_synagoge.htm#Fotos (aufgerufen am 15.04.2019)

http://www.alemannia-judaica.de/cronheim_synagoge.htm (aufgerufen am 08.04.2019)

https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/J%C3%BCdisches_Schulwesen_in_Bayern_ (1804-1918) (aufgerufen am 08.04.2019)

http://statistik-des-holocaust.de/OT430313-10a.jpg (aufgerufen am 15.04.2019)

 

 

Dominique Hipp, Judenhäuser und Deportationen aus Augsburg, Unveröffentlichte Magisterarbeit im Fach Neuere und Neueste Geschichte, Augsburg, 2012.

Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941-1949 (Materialien zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007.