Johann Holzheu

Geboren: 23.02.1895, Scheuring

Gestorben: 05.05.1939, KZ Dachau

Wohnorte

Scheuring
Ochsenhof/Görisried
Haunstetten
Augsburg, Vorderer Lech 46
Augsburg, Maximiliansplatz 8
Augsburg, Annastraße 10
Augsburg, Georgenstraße 3
Augsburg, Frauentorstraße 4

Orte der Verfolgung

30. November 1935: Untersuchungshaft

6. Mai 1935: Untersuchungshaft

18. Juli 1936: Verbringung ins KZ Dachau

Weitere Informationen

Johann Holzheu ist am 23. Februar 1895 in Scheuring bei Landsberg geboren. Er ist das uneheliche Kind von Maria Schmid, geb. Holzheu1 und einem Schreiner aus Weil, das 2 km von Scheuring entfernt liegt.

Seine Mutter Maria heiratet Anfang des 20. Jahrhunderts Josef Schmid und hat mit ihm weitere 8 Kinder: Elisabeth (geb. 1904, verst. 1998), Michael (geb. 1905, verst. 1999); Josef (geb. 1907, verst. 2001), Maria (geb. 1908, verst. 2010), Kreszenz (geb. 1909, verst. 1980), Ottilie (geb. 1913), Clara (geb. 1914) und Jakob (geb. 1915, verst. 1990).

Die Mutter und die Stiefgeschwister von Johann Holzheu.

 

Der Stiefvater Josef Schmid ertrinkt auf tragische Weise am Tag vor Weihnachten 1923 bei Wehrarbeiten am Lech.2 Erst ein halbes Jahr später wird er aufgefunden.3

Als ältester Sohn trägt Johann nach dem tragischen Tod seines Stiefvaters viel Verantwortung. Er ist ein hochintelligenter junger Mann, der überaus zielstrebig, wissbegierig, belesen und vielseitig interessiert ist. Seine schulischen Leistungen sind hervorragend. Die Zeugnisse charakterisieren ihn als „ruhig und schaffensfreudig“, bestätigen „ihm regen Eifer und zielbewusstes Arbeiten“4, auch auf der Landwirtschaftsschule schneidet er exzellent ab. Nach der Schule absolviert er zahlreiche Praktika in Landsberg5, Oberndorf bei Feldkirchen und auf dem Gut Reinigshaus (Grafrath), allesamt mit vorzüglichen Beurteilungen seines Charakters und seiner Leistungen.

Johann Holzheu als Soldat in der Mitte stehend mit seinem Stiefvater (ganz links), seiner Mutter (ganz rechts) und unterhalb seine Großeltern Jakob und Clara Holzheu, 1916.

 

Nach der Absolvierung des Kriegsdienstes wird er im Ochsenhof bei Görisried als 2. Verwalter eingesetzt. In dieser Funktion erstellt er Wirtschafts- und Kulturpläne, ist für die Buchführung verantwortlich, er kontrolliert die Feldarbeiten und Aufgaben der Dienstboten. Bei den Erntearbeiten legt er stets selbst Hand an. Der Oberverwalter attestiert ihm mustergültige Arbeit.6 Die Kunstmühle in Haunstetten leitet er von September 1921 bis Mai 1922 als Ökonomieverwalter.7 Danach ist er in der Verwaltung der Glaserei Hofiller in Augsburg nachweisbar.8 Von nun an ist er durchgehend in Augsburg wohnhaft.9

Seine Stiefgeschwister himmeln ihn an und lieben ihn, weil er für jeden ein gutes Wort hat und anpackt, wann immer Not am Mann ist. Martha erinnert sich daran, dass er stets in weißem Hemd und Lederhose gekommen sei. Sofort habe er im bäuerlichen Betrieb mit angepackt, das hat ihr an ihrem Onkel überaus imponiert.10 Er sorgt dafür, dass seine Geschwister eine anständige Arbeit erlernen. Seine Stiefschwestern Cenzle, Lisl und Marie bringt er in einem Betrieb in Garmisch unter.11 In seiner Heimat Scheuring übernimmt er eine Art Vaterrolle. Alle jüngeren Geschwister und Verwandten haben ihn in bester Erinnerung. Immer und überall beweist er seine hohe soziale Kompetenz. Als seine Mutter an Nasenkrebs erkrankt, sorgt er dafür, dass sie in Augsburg ärztlich bestens operiert und versorgt wird.12

Ab 1923 ist Johann in Augsburg als Buchhalter tätig, er zieht von Haunstetten an den Vorderen Lech 46, von dort zum Maximiliansplatz 8, in die Annastraße 10, dann in die Georgenstraße 3. Er arbeitet auf dem Arbeitsamt und vermittelt in der Zeit der Hochinflation Arbeit. Seine Familie besucht er, wann immer es geht.13

Am 30. November 1935 kommt Johann wegen Homosexualität zum ersten Mal für ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. Seine Meldekarte trägt den Vermerk: „Achtung. Jede Wohnungsveränderung sofort melden!“14 Am 6. Mai 1935 sitzt er abermals im Untersuchungsgefängnis. Schon nach 14 Tagen wird er erneut verhaftet. Die bayerische Politische Polizei begründet die Festnahme mit: „Schutzhaft wegen Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sittlichkeit“.15 Nach einem Monat Gefängnisaufenthalt wird Johann am 18. Juli 1936 ins KZ nach Dachau gebracht16 und erhält die Häftlingsnummer 10094. Johann ist dort unter unsäglichen Bedingungen eingesperrt und zahllosen Demütigungen ausgesetzt.

Wir müssen annehmen, dass Homosexuelle vom Wachpersonal besonders gedemütigt und an den Pranger gestellt werden. Im April 1939 machen sich die SS-Sadisten einen Spaß daraus, ihn mit kaltem Wasser abzuspritzen.17 Er muss stundenlang bei schlimmster Kälte im Freien zubringen. Johann erleidet eine Rippenfell- und Lungenentzündung. Der Totenschein erwähnt darüber hinaus eine Herz- und Kreislaufschwäche. Johann verstirbt im Alter von 44 Jahren am 5. Mai 1939.18

Seine Mutter Maria stimmt der Einäscherung nicht zu und möchte ihn in Scheuring beerdigen. Als der Leichenwagen nach Scheuring einfährt, springen die Kinder, darunter seine Nichte Martha, aus Neugierde hinterher, er hält in der Dorfstraße 125. Der Verstorbene wird in einer ungehobelten Fichtenholzkiste zur Mutter gebracht.

Den Angehörigen wird es untersagt, den Sarg zu öffnen. Aber der Stiefbruder Michael und Josef öffneten ihn dennoch. Johann liegt nackt darin, nur auf Papier gebettet. Seine Mutter Maria muss die Überführungskosten von 300 RM bezahlen.

Nach seinem Tod wird sein Hausstand unter den Geschwistern aufgeteilt. Johann besaß sehr schöne Möbel, viele Bücher und eine überaus geschmackvolle Einrichtung.

Zum Hintergrund:

Mit der Ermordung Ernst Röhms durch die SS beginnt die Verfolgung der Homosexuellen im NS-Staat. Das von der Gestapo eingerichtete Sonderdezernat II 1S konzentriert seine Aktivitäten auf die Bekämpfung der Homosexualität. Zur Professionalisierung und Institutionalisierung schafft Heinrich Himmler die Reichzentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung.

Auch Hitler sieht in der Homosexualität „entartetes“ Verhalten, das die Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes beeinträchtige. Schwule Männer werden als „Volksfeinde“ denunziert. Man unterstellt ihnen, die öffentliche Moral zu zerrütten und will sie in die sexuelle und soziale Konformität zwingen.

Daher tritt am 1.9.1935 eine Verschärfung des § 175 des Reichsstrafgesetzbuches in Kraft. Während im Kaiserreich und der Weimarer Republik beischlafähnliche Handlungen für eine Strafbarkeit Voraussetzung waren, genügen nach dem Willen der NS-Gesetzgebung „begehrliche Blicke“ für eine Strafverfolgung.

Die „Verführer“ sollen nicht länger auf den rechten Weg gebracht werden, sondern aus der „Volksgemeinschaft“ ausscheiden. Gemäß einem Erlaß des RSHA sollen alle Homosexuellen, die mehr als einen Partner verführt haben, nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis in polizeiliche Vorbeugungshaft genommen werden. Im November 1941 ordnet Hitler im „Erlass des Führers zur Reinhaltung von SS und Polizei“ die Todesstrafe für homosexuelle Betätigung von SS und Polizei an.

Seit 1935 steigt die Anzahl der Verurteilung homosexueller Männer rapide an. Über 100.000 Männer werden polizeilich erfasst, 50.000 Gerichtsurteile ergehen.

Nach Schätzungen werden ca. 10.000 homosexuelle Männer in den NS-KZ inhaftiert und müssen dort den rosa Winkel tragen.

Im Rahmen von „Umerziehungsmaßnahmen“ kommt es zu Kastrationen, zum zwangsweisen Besuch von KZ-Bordellen in Anwesenheit von SS-Offizieren, ebenso zu medizinischen Experimenten von KZ-Ärzten, z. B. von Carl Vaernet im KZ Buchenwald.

Im KZ sollen Schwule, die sich nicht anpassen und ihre sexuelle Orientierung nicht unterdrücken, durch Arbeit umerzogen oder vernichtet werden. Bekannt ist eine gezielte Mordaktion im Außenlager Klinkerwerk des KZ Sachsenhausen, wo von Juli bis September 1942 200 homosexuelle Männer ermordet werden. Auch in Ravensbrück kommen im Frühjahr 1942 auffällig viele homosexuelle Männer ums Leben.

Während in der DDR 1968 der § 175 abgeschafft und durch den Jugendschutzparagraphen 151 ersetzt wurde und 1988 das Mindestschutzalter bei Hetero- und Homosexualität gleichgestellt wurde, kam es zu einer derartigen Gleichstellung in der BRD erst 1994, als man den § 175 aus dem Strafgesetzbuch strich. Im Jahr 2002 bat der Deutsche Bundestag die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes um Entschuldigung und hob alle Urteile nach dem § 175 aus der NS-Zeit auf.

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, StD a.D.,
86368 Gersthofen, Haydnstraße 53;
bernhard.lehmann@gmx.de

  1. Quellen: ITS Bad Arolsen, Johann Holzheu; Gedenkstätte Dachau: Liste der Augsburger Bürger, die aus sozial-rassistischen Gründen in Hartheim ermordet bzw. im KZ Dachau ermordet wurden bzw. verstarben. Telefonische Auskunft der Angehörigen Josef Schmid, Scheuring (Neffe) und seiner Schwester Martha Brückner, geb. Schmid vom 2. April 2019. Johann Holzheus Mutter Maria Schmid geb. Holzheu (Jhg. 1873, verstorben 1961) hatte mit Josef Schmid 8 weitere Kinder.
  2. Auskunft Martha Brückner, geb. 1932, die Nichte von Johann Holzheu, die ihn persönlich kannte.
  3. Auskunft Martha Brückner am 12.4.2019.
  4. Zeugnisse von Johann Holzheu von 1912 und 1913.
  5. Johann Holzheu war von 1912 bis 1914 mit Unterbrechungen als Ökonomiepraktikant im Klosterhof der Dominikanerinnen in Landsberg tätig. „Johann Holzheu zeigte bei musterhaft religiös sittlicher Führung und sehr großem Fleiße reges Interesse und sehr großes Geschick im ökonomischen Betrieb.
  6. Zeugnis Johann Holzheu, Ochsenhof bei Görisried, 15.10.1920.
  7. Kunstmühle Haunstetten, Zeugnis vom 18.5.1922.
  8. Glaserei Hofiller, Zeugnis vom 20.12.1922. „Holzheu verläßt seinen Posten auf eigenen Wunsch, um sich in einer seinen geistigen Fähigkeiten besser entsprechenden Stellung künftig zu betätigen.“.
  9. StadtAA, MK II Johann Holzheu.
  10. Auskunft Martha Brückner, 12.4.2019.
  11. Auskunft Martha Brückner, 12.4.2019.
  12. Aussage Martha Brückner, 7.4.2019.
  13. So die unabhängige und übereinstimmende Auskunft von Josef Schmid und Martha Brückner, 2.4.2019.
  14. Meldekarte Johann Holzheu, StadtAA, MK II Johann Holzheu.
  15. ITS Bad Arolsen, Johann Holzheu.
  16. ITS Bad Arolsen, Johann Holzheu; StadtAA, MK II Johann Holzheu.
  17. Das Abspritzen von Häftlingen wurde von anderen Häftlingen, z.B. Georg Kottmair aus Gersthofen bestätigt. Die Häftlinge mussten sich auf das Dach ihrer Baracken stellen, die Wachmannschaften spritzten mit einem Feuerwehrschlauch auf die Häftlinge. Von daher rührte seine Lungenentzündung.
  18. ITS Bad Arolsen, Johann Holzheu, Sterbeurkunde: Eitrige Rippenfellentzündung nach Lungenentzündung rechts, Herz- und Kreislaufschwäche.

Archiv der KZ Gedenkstätte Dachau
– Ermordete Augsburger im KZ Dachau, Auskunft vom 25.10.2019

ITS Bad Arolsen
– Johann Holzheu, 10663467

Mündliche Auskunft Martha Brückner am 7. und 12.4.2019

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekartei II (MK II)
– Johann Holzheu

Alexander Zinn, „Aus dem Volkskörper entfernt?“ Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus, Frankfurt/New York 2018.