Hermann Wilhelm Jensch

Geboren: 23.04.1907, Eyb/Kreis Ansbach

Gestorben: 04.02.1983, Gersthofen

Wohnorte

Gersthofen

Orte der Verfolgung

KZ Dachau

Weitere Informationen

Hermann Wilhelm Jensch,
geb. 23. April 1907
(Foto: Passbild 1946)
verst. am 4. Februar 1983 in Gersthofen
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Hermann Wilhelm Jensch ist am 23. April 1907 in Eyb/Kreis Ansbach geboren.

Sein Vater Heinrich Jensch stammt aus Straupitz in Schlesien, wo er am 19. Mai 1877 geboren ist. Seine Mutter Anna Maria, geb. Kneisl, kommt am 30.11.1877 in Riglasreuth/Kemnath auf die Welt.2

Wie sein Großvater Karl Wilhelm und sein Vater Heinrich ist Herrmann Wilhelm Zimmermann von Beruf.3

Zimmerleute gehen seit dem Mittelalter zur Komplettierung ihrer Kenntnisse und Fertigkeiten bekanntermaßen auf die Walz. Die Walz ist Voraussetzung, um Meister werden zu können. Durch die Wanderjahre sollen die Gesellen nicht nur die lokalen, sondern auch ortsfremde oder in ganz Europa praktizierte Arbeitsweisen und Baustellen kennenlernen und so ihr Können erweitern. Auch der Umgang mit Fremden, die Selbstständigkeit und die soziale Kompetenz sollen dabei ausgereift werden.4 Soweit wir wissen, war Hermann in Baden-Württemberg auf der Walz, mit Sicherheit auch an anderen Orten.5

Von München kommend taucht Herrmann Jensch am 10. Februar 1930 erstmals in Gersthofen auf. Vermutlich ist es seine spätere Frau Rosa geb. Hammerl6, die ihn dazu bewegt hat, sich in Gersthofen niederzulassen. Rosa stammt aus einer alten Gersthofer Familie.

Mit Sicherheit lernt er vor Ort den Zimmerer Georg Kottmair kennen, der im Oktober 1930 von der Walz in die Heimat zurückkehrt.7 Er wohnt in der Ludwig-Hermann-Straße 35, unweit von Hermann Jensch.

Es sind keineswegs ideologische Gründe oder der Wunsch nach einer Weltrevolution, sondern eher die Weltwirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit, die Hermann Jensch dazu bewogen haben, in die KPD einzutreten. Gemeinsam mit Georg Kottmair verspricht er sich durch Engagement in der Partei eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage.

Einen Tag vor der Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten8 kommt Hermann Jensch gemeinsam mit Georg Kottmair, Xaver Sterr und Leonhard Wanner in „Schutzhaft“.9 Sie werden nach einer Woche ins Konzentrationslager Dachau überführt. Es ist anzunehmen, dass die Vier konkrete Maßnahmen gegen die Nazis ergriffen und die Bevölkerung vor einer Machtübernahme gewarnt haben. Hermann Jensch bleibt 18 Monate im KZ.10 Dort hat er die Häftlingsnummer 1479.11 Erst am 23. Oktober 1934 kehrt er von Dachau nach Gersthofen zurück.12

Bescheid der Haftentschädigung, 11.02.1950.

 

Wie bei Georg Kottmair haben die SS-Schergen den Charakter und Willen von Hermann Jensch gebrochen. Körperlich ist Hermann sehr robust, aber nach seiner Rückkehr aus dem KZ wagt er es nicht mehr, sich politisch zu engagieren, denn ein zweiter Aufenthalt im KZ hätte den sicheren Tod für ihn bedeutet. Hermann Wilhelm Jensch spricht mit niemandem über seinen KZ-Aufenthalt, die Furcht blieb bis zu seinem Tode präsent. Zu sehr haben Terror, Erniedrigungen und Gewalt im KZ ihn geprägt.

Er sucht die Geborgenheit und Zuneigung seiner um 5 Jahre jüngeren Freundin Rosa Hammerl13 und heiratet diese am 14. Juni 1935 in Gersthofen im Alter von 28 Jahren.14 Sie wohnen gemeinsam in der Ludwig-Hermann-Straße 55.

Bei Kriegsbeginn am 1.9.1939 wird Hermann Jensch vom nationalsozialistischen Regime zum Kriegsdienst eingezogen. Wir wissen, dass er an der Westfront diente und zweimal in Kriegsgefangenschaft geriet. Beide Male scheint ihm die Flucht gelungen zu sein.15

Nach Kriegsende zieht die Familie 1955 in die Siedlerstraße 17 in Gersthofen. Erst nach Ende des II. Weltkrieges kommt ihr Sohn Ingo 1951 und 5 Jahre später seine Tochter Jutta16 1956 zur Welt17 Hermann ist bereits 49 Jahre, seine Frau Rosa 44 Jahre. Mutter Rosa hatte vor der Geburt Ingos Abgänge im zweistelligen Bereich, nach seiner Geburt folgten noch weitere Abgänge.18

Hermann Jensch als Jäger.

 

In der Nachkriegszeit ist Hermann bei der Firma Halbeck bei der Lechchemie beschäftigt.19 Er ist ein vorzüglicher Handwerker, der jüngeren Mitarbeitern ein Vorbild ist.20 Hermann ist stolz darauf, beim Stadtbad die Holzverschalung vor Ort erstellt zu haben. 1965 erleidet Hermann Jensch einen Herzinfarkt und wird frühpensioniert. Hermann Wilhelm Jensch verstirbt am 4. Februar 1983, seine Ehefrau Rosa 16 Jahre später am 13. März 1999.21

Nach Aussagen seiner Kinder war Hermann Jensch überaus ruhig, zurückhaltend und introvertiert. Signifikanterweise war Fischen sein großes Hobby. In seiner Rente spielt er auch leidenschaftlich in der Sportgaststätte Schafkopf.22 Sein Hobby betreibt er mit demselben Ernst wie seinen Beruf.
Der um 33 Jahre jüngere Franz Ammann ist noch heute verwundert, wie Jensch seine politische Gesinnung treffend taxiert hat, obwohl er nur wenige Worte mit ihm wechselt. Zeit seines Lebens ist Hermann ein scharfer Beobachter, kein Luftikus, er ist immer sehr ernst und wenig zugänglich.23 Er hat eine dezidierte politische Meinung und denkt überaus zielgerichtet.

Wir wollen diesem charakterstarken, mutigen Mann einen Stolperstein widmen und an ihn erinnern. Zivilcourage unter Einsatz seines Lebens zu zeigen ist und war keine Selbstverständlichkeit.

Biografie erstellt von: Dr. Bernhard Lehmann, StD i.R.
86368 Gersthofen, Haydnstraße 53
bernhard.lehmann@gmx.de

  1. StadtAGerst, EWO-Meldekarte Jensch Hermann Wilhelm, Nr. 390/1983.
  2. StadtAGerst, EWO-Meldekarte Jensch Hermann Wilhelm; Angaben Ingo Jensch, des Sohnes von Hermann Jensch vom 22.7.2019. Die Mutter Anna Maria kommt um 1960 nach dem Tod ihres Mannes nach Gersthofen und wohnt bei den Jenschs. Riglasreuth liegt zwischen Bayreuth und Marktredwitz.
  3. Geburtsurkunde Gustav Heinrich Jensch vom 19.5.1877 in Abschrift liegt dem Verfasser in Kopie vor. (Besitz Ingo Jensch).
  4. https://www.daswillichwissen.de/wissenswertes/was-bedeutet-auf-die-walz-gehen/.
  5. Auskunft Ingo Jensch vom 22.7.2019.
  6. StadtAGerst, EWO-Meldekarte Jensch Hermann Wilhelm und EWO Karte Jensch, Anna Maria, geb. Hammerl, geb. am 6. Mai 1912, verst. am 13.3.1999.
  7. Vgl. Biografie des Verfassers über Georg Kottmair.
  8. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/zerschlagung-der-gewerkschaften.html.
  9. KZ Gedenkstätte Dachau, Auskunft Andre Scharf vom 8.6.2017.
  10. Hermann Jensch kommt am 23. Oktober 1934 als gebrochener Mann wieder aus dem KZ Dachau zurück. StadtAGerst, EWO-Meldekarte Jensch Hermann Wilhelm. Vgl. Privatunterlagen Ingo Jensch: Das bayerische Landesentschädigungsamt gestand Hermann Jensch nach Kriegsende mit Bescheid vom 11.2.1950 eine Entschädigungssumme von 2700 DM für 18 Monate Konzentrationslagerhaft zu.
  11. KZ Gedenkstätte Dachau, Auskunft Andre Scharf vom 8.6.2017.
  12. StadtAGerst, EWO-Meldekarte Jensch Hermann Wilhelm.
  13. Rosa Jensch geb. Hammerl ist am 6. Mai 1912 geboren: StadtAGerst, EWO Karte Jensch Herrmann Wilhelm.
  14. Heiratsschein Nr. 20 des Jahres 1935 in Gersthofen, Privatbesitz Ingo Jensch; vgl. StadtAGerst, EWO-Meldekarte Jensch Hermann Wilhelm.
  15. Auskunft Jutta Polz vom 29.7.2019.
  16. Jutta Polz, geb. Jensch, heute wohnhaft in der Siedlerstraße 17, geb. 10.5.1956.
  17. Ingo Jensch, geb. am 6.3.1951.
  18. Auskunft Jutta Polz am 29.7.2019.
  19. Auskunft Ingo Jensch, 22.7.2019.
  20. Aussage Franz Ammann vom 29.7.2019.
  21. StadtAGerst, EWO Karte Jensch Anna Maria und Jensch Hermann Wilhelm.
  22. Auskunft Jutta Polz am 29.7.2019.
  23. Auskunft Franz Ammann am 29.7.2019.

Archiv der KZ Gedenkstätte Dachau
− Auskunft Andre Scharf vom 8.6.2017

Auskunft Franz Ammann am 29.7.2019

Auskunft Ingo Jensch vom 22.7.2019

Auskunft Jutta Polz vom 29.7.2019

Stadtarchiv Gersthofen (StadtAGerst)
− EWO-Meldekarten und Personenstandsunterlagen Herrmann Wilhelm Jensch und Anna Maria Jensch

 

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/zerschlagung-der-gewerkschaften.html