Lotte Eckart. (Archiv Leo Hiemer)

Charlotte Margarete Eckart geb. Schwarz

Geboren: 26.04.1904, Augsburg

Gestorben: 08.06.1942, Bernburg/Saale

Wohnorte

Augsburg, Bahnhofstraße 18 (bis 1906)
Augsburg, Hermannstraße 1 (1906 – 1920)
Augsburg, Schaezlerstraße 13/I (1920 – 1936)
Schaan/Fürstentum Liechtenstein, Landstraße 62 (1936)
Vaduz/Fürstentum Liechtenstein, Schlössle (1936 – 1937)
Marktoberdorf, Tigaustraße 41 1/5 (1937)
Augsburg, Gesundbrunnenstraße 3 (1937 – 1939)
Augsburg, Frölichstraße 12 ½ (1939 – 1941)

Orte der Verfolgung

Auf Befehl der Gestapo München vom 27.09.1941 in Augsburg verhaftet.

Am 08.11.1941 als Schutzhäftling in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überstellt.

Am 08.06.1942 im Rahmen der Aktion „14 f 13“ in der NS-Tötungsanstalt Bernburg/Saale mit Kohlenmonoxid vergiftet. Todesdatum und -ort wurden vom SS-Standesamt Ravensbrück II gefälscht; das tatsächliche Todesdatum ist nicht bekannt.

Erinnerungszeichen

Die Errichtung eines Erinnerungszeichens vor der Gesundbrunnenstraße 3 ist für 2019 geplant.

Weitere Informationen

Lotte, wie sie sich nannte, ist die jüngste Tochter von Karl und Anna Schwarz.1 Ihr Vater kommt Ende des 19. Jahrhunderts aus Steppach nach Augsburg. Dort erwirbt er ein stattliches Anwesen am Predigerberg 9, zu dem neben einer Reihe von Wohnungen und Zimmern auch die historische „Gaststätte zum Mohrenkopf“ gehört. Zusammen mit seinem Bruder Heinrich betreibt er dort auch eine Eisenwarenhandlung.2 Ab 1920 bewohnt die Familie eine herrschaftliche Mietwohnung in der Schaezlerstraße 13.3

Wie ihre beiden deutlich älteren Schwestern, Emmy und Hansi, besucht auch Lotte eine höhere Schule, das evangelische „Von Stetten“.4 Die großen Schwestern sind schon verheiratet und haben Kinder als der Vater 1926 stirbt. Lotte macht eine Ausbildung zur Sekretärin und arbeitet drei Jahre in Spanien,5 vermutlich bei einem dort tätigen Augsburger Maschinenbauunternehmen.

1933 heiratet sie in München den Geschäftsmann und Hauptmann a. D., Wilhelm Eckart,6 einen katholischen Nicht-Juden – mit einer Ausnahmegenehmigung der Erzdiözese wegen Religionsverschiedenheit auch kirchlich.7 Eckart verstirbt jedoch bereits 1934.8

Im folgenden Jahr sucht die junge Witwe Kardinal Faulhaber, den Erzbischof von München und Freising auf, der ihren verstorbenen Gatten noch aus dem Weltkrieg kannte und schätzte. Lotte möchte getauft werden. Faulhaber vertröstet sie, nimmt sich ihrer aber väterlich an, steckt ihr wiederholt Geld zu und trifft sie bis 1940 insgesamt 14 Mal zu persönlichen Unterredungen.9

1936 wird Charlotte Eckart Atemlehrerin in Liechtenstein, wo sie eine Atemschule eröffnet.10 In Liechtenstein wird sie auch schwanger. Den vermutlich nicht-jüdischen Vater gibt sie nicht an, um nicht den Verdacht der „Rassenschande“ auf sich zu lenken.

1937 wird sie auf Empfehlung von Kardinal Faulhaber dann tatsächlich getauft11 und 13 Tage später auch ihre neugeborene Tochter Gabriele.12 Da die Geburt „illegitim“, also unehelich, ist, erhält das Kind den Mädchennamen der Mutter, Schwarz, während die Mutter selbst den Ehenamen, Eckart, behält. Die kleine Gabi wird auf einem Bauernhof im Allgäu als Pflegekind untergebracht13 und wächst in idyllischer Natur auf.

 

Lotte Eckart mit ihrer Tochter Gabi. (Archiv Leo Hiemer)

 

Am 27. Dezember 1937 wird Lotte von Kardinal Faulhaber gefirmt14 und mit einer Empfehlung für Amerika ausgestattet.15 Im Sommer 1938 besucht sie die Vereinigten Staaten als Touristin,16 vermutlich um sich nach Arbeitsmöglichkeiten als Atemlehrerin umzusehen. Wieder zurück bemüht sie sich weiter mit Hilfe des katholischen St. Raphaels-Vereins in Hamburg und der Hilfsstelle beim Bischof von Berlin um die Auswanderung zusammen mit ihrer Tochter.17 Doch alle Bemühungen scheitern.

Auf Befehl der Gestapo München vom 27. September 1941 wird Lotte in Augsburg verhaftet18 und am 8. November 1941 als Schutzhäftling an das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überstellt.19 Im Rahmen der „Sonderbehandlung 14 f 13“ wird sie als Jüdin in der NS-Tötungsanstalt Bernburg mit Kohlenmonoxid umgebracht.20 Todesdatum und -ort sind von der SS gefälscht.

Ihre Tochter Gabriele wird 1943 im Alter von fünf Jahren in Auschwitz ermordet.21

Leo Hiemer

  1. StadtAA, MB Karl Schwarz, Nr. 1357.
  2. StAA, Wiedergutmachungsbehörde Schwaben V 967 LEA 74213 K-Akte Nr. 2511, Abschrift des Blattes Nr. 16 des Grundbuches für die Steuergemeinde Augsburg Lit A, Band 6, Seite 179, 23.07.1949.
  3. StadtAA, HB Schaezlerstraße 13.
  4. Erich Mayerhofer aus dem Archiv der A. B. von Stettenschen Stiftungen an den Autor, 22.11.2009.
  5. Vgl. Diözesanarchiv Berlin I/1-40 Charlotte Eckart an die Hilfsstelle beim Bischof von Berlin, 25.11.1939.
  6. StadtAM, 1088/1933, Heiratsurkunde Wilhelm Eckart und Charlotte Schwarz, 24.08.1933.
  7. Erzbischöfliches Archiv München, St. Bonifaz, München, Trauungsregister 1933, Nr. 150, S. 156, 24.08.1933.
  8. Reichenhaller Tagblatt, Todesanzeige Wilhelm Eckart, 03.11.1934.
  9. Erzbischöfliches Archiv München Nachlass Faulhaber 10016, Michael von Faulhaber, Tagebucheintrag 28.02.1935 (verfügbar unter http://www.faulhaber-edition.de/dokument.html?docidno=10016_1935-02-28_T01) und 28.08.1935 (verfügbar unter http://www.faulhaber-edition.de/dokument.html?docidno=10016_1935-08-28_T01&sortby=year) (=(=Erzbischöfliches Archiv München Nachlass Faulhaber 10016) sowie 10017: 08.07.1936, 10.07.1937; 10018: 27.12.1937, 04.01.1938, 11.01.1938, 18.01.1938, 31.10.1938; 10019: 30.09.1940, 18.12.1940.
  10. Liechtensteiner Vaterland, Anzeige der Atemschule „Juventus“, 10.10.1936.
  11. Erzbischöfliches Archiv München Nachlass Faulhaber 9400 Michael von Faulhaber an das Pfarramt Markt Oberdorf, 14.04.1937 sowie Archiv der kath. Pfarrgemeinde St. Martin, Marktoberdorf, Taufbuch Bd. XVI 1930–1942, S. 95, Taufeintrag Lotte Eckart vom 12.05.1937.
  12. Archiv der kath. Pfarrgemeinde St. Martin, Marktoberdorf, Taufbuch Bd. XVI 1930–1942, S. 95, Taufeintrag Gabriele Schwarz vom 25.05.1937.
  13. Pflegevater Josef Aichele bittet den Landrat Dr. Ferdinand Waller am 29.06.1937, Gabriele als Pflegekind aufnehmen zu dürfen. StAM, Spruchkammerakt K 1504 Seelos Hans, Aussage Dr. Waller, 02.09.1948.
  14. Erzbischöfliches Archiv München Nachlass Faulhaber 10018 Michael von Faulhaber, Tagebucheintrag vom 27.12.1937.
  15. Erzbischöfliches Archiv München Nachlass Faulhaber 8426 Recomm., handschriftliches Konzept, 27.12.1937.
  16. Vgl. z. B. National Archives, Passenger and Crew List of Vessels Arriving at New York, New York, 1897–1957, Microfilm Publication T715_6158, 26.05.1938 sowie Archiv Leo Hiemer, Lotte Eckart aus New York an Therese Aichele, 02.06.1938.
  17. Vgl. Diözesanarchiv Berlin I/1-40.
  18. StAN, Polizeipräsidium Nürnberg-Fürth 810 Nr. 1921, Gefangenenbuch des Nürnberger Polizeigefängnisses, 28.10.1941.
  19. SäStAL, Gefängnisbuch Leipzig PP-S 8519 Nr. 9642, 04.11.1941.
  20. Allgemein zu den Tötungen in Bernburg vgl. Ute Hoffmann/Dietmar Schulze, „… wird heute in eine andere Anstalt verlegt“. Nationalsozialistische Zwangssterilisation und ‚Euthanasie‘ in der Landes-Heil und -Pflegeanstalt Bernburg – eine Dokumentation, hrsg. vom Regierungspräsidium Dessau 1997, vor allem das Kapitel “Die Sonderbehandlung 14 f 13”, S. 71–76.
  21. StAM, Oberfinanzdirektion 8741 Entziehungsakte Gabriele Schwarz, Listenauszug der Gestapo München, 19.03.1943.

Anna Schwarz, geb. Rosenmeyer

Geboren

04.04.1870

Gestorben

20.09.1939

Letzter freiwilliger Wohnort

Gesundbrunnenstraße 3

August Einstein

Geboren

08.11.1868

Gestorben

08.11.1937

Letzter freiwilliger Wohnort

Gesundbrunnenstraße 3

Gabriele Schwarz

Geboren

24.05.1937

Gestorben

16.03.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Archiv der kath. Pfarrgemeinde St. Martin, Marktoberdorf
– Taufbuch Bd. XVI 1930–1942

Archiv Leo Hiemer
– Erich Mayerhofer aus dem Archiv der A. B. von Stettenschen Stiftungen an den Autor, 22.11.2009

Erzbischöfliches Archiv München
– St. Bonifaz, München, Trauungsregister
– Nachlass Faulhaber 8426, 9400
– Nachlass Faulhaber 10016, Michael von Faulhaber, Tagebucheintrag 28.02.1935 (verfügbar unter http://www.faulhaber-edition.dedokument.html?
docidno=10016_1935-02-28_T01)
und 28.08.1935 (verfügbar unter http://www.faulhaber-edition.de/dokument.html?
docidno=10016_1935-08-28_T01&sortby=year) (=Erzbischöfliches Archiv München Nachlass Faulhaber 10016) sowie
10017: 08.07.1936, 10.07.1937; 10018: 27.12.1937, 04.01.1938, 11.01.1938, 18.01.1938, 31.10.1938; 10019: 30.09.1940, 18.12.1940.

Diözesanarchiv Berlin
– I/1-40

National Archives at New York City
– Passenger and Crew List of Vessels Arriving at New York, New York, 1897–1957, Microfilm Publication T715_6158, 26.05.1938 (eingesehen bei ancestry.de)

Sächsisches Staatsarchiv Leipzig (SäStAL)
– Gefängnisbuch Leipzig PP-S 8519 Nr. 9642

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
– Wiedergutmachungsbehörde Schwaben V 967 LEA 74213 K-Akte Nr. 2511

Staatsarchiv München (StAM)
– Oberfinanzdirektion 8741 Entziehungsakte Gabriele Schwarz
– Spruchkammerakt K 1504 Seelos Hans

Staatsarchiv Nürnberg (StAN)
– Polizeipräsidium Nürnberg-Fürth 810 Nr. 1921, Gefangenenbuch des Nürnberger Polizeigefängnisses

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Hausbogen (HB):
– HB Schaezlerstraße 13

Meldebogen (MB):
– MB Karl Schwarz, Nr. 1357

Stadtarchiv München (StadtAM)
– 1088/1933

Liechtensteiner Vaterland,
10. 10. 1936.

Reichenhaller Tagblatt,
3. 11. 1934.

Leo Hiemer, Gabi (1937-1943). Geboren im Allgäu – Ermordet in Auschwitz. Erscheint 2019 im Metropol-Verlag, Berlin.

Ute Hoffmann/Dietmar Schulze, „… wird heute in eine andere Anstalt verlegt“. Nationalsozialistische Zwangssterilisation und ‚Euthanasie‘ in der Landes-Heil und -Pflegeanstalt Bernburg – eine Dokumentation, hrsg. vom Regierungspräsidium Dessau 1997.