Anna Schwarz. (Archiv Leo Hiemer)

Anna Schwarz, geb. Rosenmeyer

Geboren: 04.04.1870, Wolfhagen

Gestorben: 20.09.1939, Augsburg (Suizid)

Wohnorte

Augsburg, Bahnhofstraße 16 (bis 1906)
Augsburg, Hermannstraße 1 (1906 – 1920)
Augsburg, Schaezlerstraße 13/I (1920 – 1936)
Augsburg, Gesundbrunnenstraße 3 (1937 – 1939)

Orte der Verfolgung

Freitod am 20. September 1939

Erinnerungszeichen

Die Errichtung eines Erinnerungszeichens vor der Gesundbrunnenstraße 3 ist für 2019 geplant.

Weitere Informationen

Anna Schwarz ist eine Tochter des Kaufmanns Asser Rosenmeyer aus Wolfhagen und seiner Frau Johanna. Am 16. April 1894 heiratet sie in Mainz, wo die Familie mittlerweile lebt, den Kaufmann Karl Schwarz aus Augsburg.1 Er kommt aus Steppach und erwirbt in Augsburg am Predigerberg 9 ein stattliches Anwesen, zu dem neben einer Reihe von Wohnungen und Zimmern auch die historische „Gaststätte zum Mohrenkopf“ gehört. Zusammen mit seinem Bruder Heinrich betreibt er hier auch eine Eisenwarenhandlung.2 Ab 1920 bewohnt die Familie eine herrschaftliche Mietwohnung in der Schaezlerstraße 13.3 Aus der Ehe gehen drei Töchter hervor: Emmy, Hansi und Lotte, die allesamt die höhere Schule, das evangelische „Von Stetten“ besuchen. Als Karl Schwarz am 16. April 1926 stirbt, sind die beiden großen Töchter bereits verheiratet und haben Kinder. 1936 bezieht Anna Schwarz eine großzügige Wohnung in der Gesundbrunnenstraße 3.4

Anna Schwarz erlebt die Judenverfolgung bei ihren Kindern hautnah mit. Die Älteste, Emmy, muss schon 1934 mit ihrem Mann, Dr. Kurt Glaser, einem linken Sozialdemokraten, nach Paris emigrieren, nachdem die Nationalsozialisten ihn ein halbes Jahr eingesperrt und ihm Landesverbot in Sachsen erteilt hatten.5 Hansi, die Mittlere, ist geschieden und hat ihren Sohn in einem Kinderheim in Berlin untergebracht, das wegen „staatsfeindlicher Erziehung von Kindern in jüdisch-marxistischem Sinne“ geschlossen wird.6 Lotte, die Jüngste, hat ein uneheliches Kind von einem Nicht-Juden,7 das sie auf einem Bauernhof im Allgäu versteckt. Ihre Nichte, Johanna Schmiedchen, wird schon am 19. April 1938 wegen „Verdacht der Rassenschande“ verhaftet8 und als Schutzhäftling ins Konzentrationslager gesteckt. Anna Schwarz muss auch mitansehen wie immer mehr ihrer Freunde und Verwandte Augsburg verlassen und versuchen, sich ins Ausland zu retten. Es wird einsam um die alte Dame.9

Nach den Novemberpogromen 1938 bietet sie der Stadt Augsburg ihr Anwesen am Predigerberg zum Kauf an, um die Judenvermögensabgabe bezahlen zu können.10 Die Stadt greift zum für sie günstigen Einheitswert zu.11 Der Verkaufserlös wird zwar auf ihr Konto eingezahlt, unterliegt aber strengen Verfügungsbeschränkungen. Auch ihren geliebten Schmuck und sämtliche anderen Wertsachen muss sie abgeben. Als sie auch noch die Wohnung räumen soll, nimmt sie am 20. September 1939 Gift.12

Im Augsburger Rathaus ist im Erdgeschoss eine Gedenkstätte für die ermordeten Augsburger Juden eingerichtet. Auf der Gedenktafel ist auch der Name „Anna Schwarz“ zu finden.

Leo Hiemer

  1. StadtAMZ, HR Mainz 1894, Nr. 139, Heiratsurkunde Carl [sic] und Anna Schwarz, 15.04.1894.
  2. BayHStA, Wiedergutmachungsbehörde Schwaben V 967 LEA 74213 K-Akte Nr. 2511, 23.07.1949, Abschrift des Blattes Nr. 16 des Grundbuches für die Steuergemeinde Augsburg Lit A, Band 6, Seite 179.
  3. StadtAA, HB Schaezlerstraße 13.
  4. StadtAA, HB Gesundbrunnenstraße 3.
  5. StadtAA, MK Kurt Glaser.
  6. Zitiert nach Ludwig Theodor Heuss, In memoriam Ursula Heuss geb. Wolff * 25. Juli 1929 † 19. Oktober 2009. Nachruf auf Ursula Heuss anlässlich der Abdankungsfeier am 6. November 2009 in Basel, unveröff. Sonderdruck, S.9.
  7. Archiv der katholischen Pfarrgemeinde St. Martin, Marktoberdorf, Taufbuch Bd. XVI 1930–1942, Taufeintrag Gabriele Schwarz, 25.5.1937.
  8. International Tracing Service Arolsen 1.2.2.1/11556912 Karteikarte des Strafgefängnisses Frankfurt-Preungesheim, Johanna Schmiedchen, 19.04.1938.
  9. Vgl. z. B. Familienarchiv Heuss Nachlass Annemarie Wolff-Richter III/5 Anna Schwarz an Annemarie Wolff-Richter, undatiert (Februar 1938).
  10. StadtAA, L5 Nr. 645, Aktennotiz, 27.01.1939 sowie StAA, V 967 LEA 74213 K-Akte Nr. 2511, Wiedergutmachungsbehörde Schwaben, Bescheid über Judenvermögensabgabe Anna Schwarz, 16. 1. 1939.
  11. StadtAA, L5 Nr. 645, Kaufvertrag Predigerberg 9, 05.05.1939.
  12. Leo Hiemer, Interview mit René Sechehaye, Augsburg, 17. 8. 1989 sowie Eileen Hirsch-Erlund/Gernot Römer, Irmgard. Eine jüdische Kindheit in Bayern und eine Vertreibung (Lebenserinnerungen von Juden aus Schwaben 2), Augsburg 1999, S. 38 f.

Charlotte Margarete Eckart geb. Schwarz

Geboren

26.04.1904

Gestorben

08.06.1942

Letzter freiwilliger Wohnort

Gesundbrunnenstraße 3

Gabriele Schwarz

Geboren

24.05.1937

Gestorben

16.03.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

August Einstein

Geboren

08.11.1868

Gestorben

08.11.1937

Letzter freiwilliger Wohnort

Gesundbrunnenstraße 3

Archiv der katholischen Pfarrgemeinde St. Martin, Marktoberdorf
– Taufbuch Bd. XVI 1930–1942

Archiv Leo Hiemer
– Leo Hiemer, Interview mit René Sechehaye, Augsburg, 17.08.1989

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA)
– V 967 LEA 74213 K-Akte Nr. 2511

Familienarchiv Heuss
– Nachlass Annemarie Wolff-Richter

International Tracing Service Arolsen
– 1.2.2.1/11556912 Karteikarte des Strafgefängnisses Frankfurt-Preungesheim, Johanna Schmiedchen

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
– Wiedergutmachungsbehörde Schwaben V 967 LEA 74213 K-Akte Nr. 2511

Stadtarchiv Mainz (StadtAMZ)
– HR Mainz 1894

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Hausbogen (HB):
– HB Gesundbrunnenstraße 3
– HB Schaezlerstraße 13

– L5 Nr. 645, Kaufvertrag Predigerberg 9, 05.05.1939

Meldekarte (MK):
– MK Kurt Glaser

Eileen Hirsch-Erlund/Gernot Römer, Irmgard. Eine jüdische Kindheit in Bayern und eine Vertreibung (Lebenserinnerungen von Juden aus Schwaben 2), Augsburg 1999.

Ludwig Theodor Heuss, In memoriam Ursula Heuss geb. Wolff * 25. Juli 1929 † 19. Oktober 2009. Nachruf auf Ursula Heuss anlässlich der Abdankungsfeier am 6. November 2009 in Basel, unveröff. Sonderdruck.

Leo Hiemer, Gabi (1937-1943). Geboren im Allgäu – Ermordet in Auschwitz. Erscheint 2019 im Metropol-Verlag, Berlin.