Alois Dureder

Geboren: 25.03.1899, Engelmannsberg

Gestorben: 01.01.1985, Friedberg

Wohnorte

Engelmannsberg (Bezirksamt Dingolfing/Landau)
Gersthofen, Fabrikstrasse 55
Friedberg, Karl-Sommer-Stift

Orte der Verfolgung

Gesundheitsamt Augsburg

Erbgesundheitsgericht Augsburg

Krankenhaus Augsburg

Weitere Informationen

Alois Dureder, geb. am 25.3.1899, verstorben am 1.1.1985 in Friedberg1, Opfer der Zwangssterilisation

Alois Dureder ist am 25. März 1899 in Engelmannsberg (Bezirksamt Dingolfing/Landau) geboren. Er ist das ledige Kind seiner Mutter Maria Haas, geb. Dureder (geb. 1872). Sein leiblicher Vater verunglückt im Alter von 40 Jahren.

Aus der Ehe Marias mit Anton Haas gehen 3 Stiefgeschwister hervor, von denen ein Kind im Alter von einem Jahr an Keuchhusten verstirbt, die beiden anderen Kinder verunglücken tödlich.2 Alois wird bis zum 4. Lebensjahr von seinen Großeltern mütterlicherseits aufgezogen. Im Alter von 3 Jahren erleidet Alois eine Ohreiterung.

Soweit bekannt ist, stürzt Alois einmal bei den Großeltern die Treppe hinunter, eine ärztliche Behandlung findet aber diesbezüglich nicht statt. Erst viel später wird er in der Ohrenklinik München untersucht. Das Ergebnis ist niederschmetternd und ergibt vollständige Taubheit. Alois besucht ab dem 8. Lebensjahr die Landestaubstummen-anstalt in München.

Danach absolviert er in Augsburg eine vierjährige Lehrzeit als Graphiker und wird bei der lithografischen Firma Burger eingestellt. Er produziert dort Plakate und Etiketten.3

Seine Taubheit wird vom Bezirksarzt beim Gesundheitsamt Augsburg gemeldet oder besser gesagt denunziert. Dieses beantragt beim Erbgesundheitsgericht die Unfruchtbarmachung von Alois Dureder. Zur Klärung holt das Erbgesundheitsgericht Augsburg in München ein Gutachten der Universitätsklinik ein.4

Nach den Angaben seiner Mutter sind Hörreste vorhanden, er reagiert auf Musik und Lärm. Sie wehrt sich verständlicherweise energisch gegen die Unfruchtbarmachung des Sohnes.

Das Gutachten der Universitätsklinik vom Februar 1935 stellt fest, Alois sehe „etwas vorzeitig gealtert aus, macht einen intelligenten Eindruck, sein ganzes Verhalten ist jedoch etwas misstrauisch ablehnend, seine Sprache ist von einer lebhaften Mimik begleitet.“5

Die Hörprüfung ergibt eine vollständige Taubheit. Das Gutachten konstatiert, dass seine frühere rechtsseitige Mittelohreiterung als Ursache für die Taubheit „keinesfalls in Frage“ komme“.6

Es sei „mit größter Wahrscheinlichkeit eine recessive Taubheit anzunehmen, auf die das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses Anwendung finden“ müsse.7

Den Beweis, dass es sich um eine Erbkrankheit handle, bleibt das Gutachten vollständig schuldig. Das Erbgesundheitsgericht unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats Anhäusser erlässt gemeinsam mit Landgerichtsarzt Obermedizinalrat Dr. Steidle und Stadtarzt Obermedizinalrat Dr. Keck einstimmig am 15. März 1935 den folgenden Beschluss:8

„Dureder Alois, geboren am 25. März 1899 zu Engelmannsberg, Bezirksamt Dingolfing, lediger Lithograph, wohnhaft in Gersthofen, Fabrikstrasse 55, ist unfruchtbar zu machen“.

In der Begründung zur Unfruchtbarmachung von Alois Dureder heißt es:

Das Erbgesundheitsgericht sei zu der Überzeugung gekommen, dass Alois Dureder an erblicher Taubheit leide. An der Erblichkeit des Leidens könne nach Ansicht des Gerichts kein Zweifel bestehen.

Daher sei „nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft …. mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass auch etwaige Nachkommen des Kranken an schweren körperlichen Erbschäden leiden werden. Da der Kranke im fortpflanzungsfähigen Alter steht und Gründe, die seine Unfruchtbarmachung hindern würden, nicht vorhanden sind, war dem gestellten Antrage stattzugeben und die Unfruchtbarmachung des Alois Dureder anzuordnen.9

Alois Dureder wird gemäß dem Beschluss des Erbgesundheitsgerichtes am 11. April 1935 im Krankenhaus Augsburg zwangssterilisiert.

Die Lebensentwürfe von Alois Dureder sind damit zerstört. Der nationalsozialistische Staat hat unwiderruflich und in nicht revidierbarer Weise in sein Leben und seine Lebensplanung eingegriffen.

Über das weitere Leben von Alois Dureder ist uns nichts bekannt. Er ist alleinstehend, seine Mutter war 1935 im Altern von 63 Jahren.10 Alois Dureder zieht 1983 ins Karl-Sommer-Stift nach Friedberg. Am 1. Januar 1985 verstirbt er dort. Alois Dureders Leiche wurde anonym auf dem Friedhof Herrgottsruh, Feld XIII, Nr. 66 wegen Fehlens von Angehörigen bestattet.11 Das Grab ist mittlerweile aufgelöst, aber Alois Dureder ist nicht vergessen. Wir werden an ihn mit einem Stolperstein erinnern.

Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14.7.193312, zu einem immens frühen Zeitpunkt der NS-Herrschaft zeigt, dass Zwangssterilisation auf der Prioritätenliste der Nazis ganz hoch oben anzusiedeln ist und im Gesamtkonzept eine prägende Rolle spielt.

Es tritt am 1. Januar 1934 in Kraft und bildet die Grundlage für die Eingriffe an Behinderten und psychisch Kranken, Gehörlosen, Blinden und Alkoholsüchtigen.

„Erbkrank im Sinne dieses Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet:
1. Angeborenem Schwachsinn
2. Schizophrenie
3. Zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein
4. Erbliche Fallsucht
5. Erblichem Veitstanz (Huntingtonsche Chorea)
6. Erbliche Blindheit
7 Erbliche Taubheit
8. Schwerer erblicher körperlicher Missbildung

Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, wer an schwerem Alkoholismus leidet.“

Eigentlich ist die Frage nach der Erblichkeit einer bestimmten Krankheit oder Einschränkung in den 30er und 40er Jahren kaum zu beantworten, es gibt noch keine genetische Diagnostik.13 Der weitaus größte Teil der Betroffenen wird aufgrund der Indikation „angeborener Schwachsinn“ sterilisiert. Grundlage hierfür ist ein Intelligenztest, der insbesondere schulisches Wissen abfragt. Welchen Sinn ergibt das bei Personen, die schwerhörig sind und/oder die Schule nie besucht haben bzw. keine Förderung erhalten haben?

De facto werden auf der Grundlage des Gesetzes viele Menschen zwangssterilisiert, die körperlich vollkommen gesund sind. Das Gesetz gerät weitgehend zu einem Instrument der Disziplinierung und Verfolgung von „rassisch Entarteten“ bzw. „Gemeinschaftsfremden“, von „Asozialen“ nach dem Verständnis der rassistisch geprägten Volksgemeinschaftsideologie.14

Diagnosen wie „Geistesschwäche“, „Schizophrenie“ oder „schwerer Alkoholismus“ lassen erhebliche Interpretationsspielräume zu. Zudem erfinden die Nazis weitere Merkmale wie „moralischer Schwachsinn“ bzw. „sozialer Schwachsinn„. Diese Terminologie zielt auf Großfamilien der Unterschichten, ledige Mütter, lernbehinderte Kinder, Bettler, Wohnungslose, Fürsorgezöglinge und Vorbestrafte.15

Während der NS-Herrschaft werden ungefähr 400.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene zwangssterilisiert. Infolge der Eingriffe sterben 5000 Menschen, zu 90 Prozent weibliche Personen. Etwa tausend Menschen haben sich selbst getötet.16

Die Gruppe der Zwangssterilisierten werden aufgrund von Expertenanhörungen von Wiedergutmachungszahlungen ausgeschlossen. Von den 7 eingeladenen Gutachtern sind 3 NS-Täter, Eugeniker und „Rassehygieniker“. Ab 1980 dürfen Geschädigte eine Einmalzahlung infolge des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes beantragen, ab 1988 eine laufende Beihilfe.

Erst 1998 wird werden die Erbgesundheitsbeschlüsse per Gesetz aufgehoben, 2007 wird es durch den Deutschen Bundestag geächtet. Zwangssterilisierte und Euthanasie-Geschädigte werden 62 Jahre nach Kriegsende gesellschaftlich rehabilitiert. Seit 2011 erhalten Zwangssterilisierte monatlich 291 Euro. Im Januar 2018 leben noch 103 entschädigungsberechtigte Zwangssterilisierte, die eine monatliche Zahlung von jeweils 352 Euro erhalten.17

Biografie erstellt von: Dr. Bernhard Lehmann,
86368 Gersthofen, Haydnstraße 53, Tel. 0821/497856; bernhard.lehmann@gmx.de

 

  1. StAA, AZ 484/34 Nr. 11.
  2. StAA, AZ 484/34 Nr. 11: Universitätsklinik und Poliklinik München, Fachärztliches Gutachten über Alois Dureder, 22. Februar 1935.
  3. Ebd.
  4. StAA, AZ 484/34 Nr. 11: Universitätsklinik und Poliklinik München, Fachärztliches Gutachten über Alois Dureder, 22. Februar 1935.
  5. Ebd., Fachärztliches Gutachten vom 22. Februar 1935.
  6. Ebd.
  7. Der Gutachter Dr. Greifenstein kommt daher zum gleichen Ergebnis wie das ihm vorliegende Gutachten eines Dr. Hedderichs und des Bezirksarztes.
  8. StAA, AZ 484/34 Nr. 11. Beschluss des EGG am Amtsgericht Augsburg  vom 15.3.1935.
  9. Ebd.
  10. Ebd., Universitätsklinik und Poliklinik München, Fachärztliches Gutachten über Alois Dureder, 22. Februar 1935.
  11. Auskunft Friedhofsverwaltung Friedberg, Tel. 0821/6002-511.
  12. RGBL. I S.529, letzte Änderung am 4.2.1936, RGBl I. S.119. Zur Frage der Sterilisationen im Nationalsozialismus vgl. Margret Hamm (Hg.), Ausgegrenzt – Warum? Zwangssterilisierte und Geschädigte der NS-„Euthanasie“ in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2017.
  13. Stefanie Westermann, Zwangssterilisierte Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Margret Hamm (Hg.), Ausgegrenzt – Warum? Zwangssterilisierte und Geschädigte der NS-„Euthanasie“ in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2017, S. 27.
  14. Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages, „Asoziale im Nationalsozialismus“, Berlin 2016. https://www.bundestag.de/resource/blob/478780/946af6a53de4beedba650bf537254942/WD-1-026-16-pdf-data.pdf.
  15. Vgl. hierzu Julia Hörath, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in den Konzentrationslagern 1933-1938; Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 222, Göttingen 2017.
  16. Vgl. hierzu https://www.ns-euthanasie.de/index.php/ns-rassenhygiene.
  17. Zum Thema der Entschädigungen siehe https://www.euthanasiegeschaedigte-zwangssterilisierte.de/themen/entschaedigung/zeittafel-entschaedigungspolitik-fuer-zwangssterilisierte-und-euthanasie-geschaedigte/ und oben Anmerkung 13.

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
– AZ 484/34 Nr. 11: Universitätsklinik und Poliklinik München, Fachärztliches Gutachten über Alois Dureder, 22. Februar 1935

– AZ 484/34 Nr. 11: Beschluss des EGG am Amtsgericht Augsburg  vom 15.03.1935

 

Reichsgesetzblatt (RGBl)

https://www.bundestag.de/resource/blob/478780/946af6a53de4beedba650bf537254942/WD-1-026-16-pdf-data.pdf

https://www.euthanasiegeschaedigte-zwangssterilisierte.de/themen/entschaedigung/zeittafel-entschaedigungspolitik-fuer-zwangssterilisierte-und-euthanasie-geschaedig

https://www.ns-euthanasie.de/index.php/ns-rassenhygiene

 

 

Margret Hamm (Hg.), Ausgegrenzt! Warum? Zwangssterilisierte und Geschädigte der NS-„Euthanasie“ in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2017.

Julia Hörath, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in den Konzentrationslagern 1933-1938; Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 222, Göttingen 2017.

Stefanie Westermann, „Ein Mensch, der keine Würde mehr hat, bedeutet auf dieser Welt nichts mehr.“ Zwangssterilisierte Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Margret Hamm (Hg.), Ausgegrenzt! Warum? Zwangssterilisierte und Geschädigte der NS-„Euthanasie“ in der Bundesrepublik Deutschland; Berlin 2017, S. 23 – 40.