Josef Faßnacht

Geboren: 02.06.1905, Augsburg

Gestorben: 05.09.1940, Grafeneck

Wohnorte

Augsburg, Schöpplerstraße 10

Orte der Verfolgung

Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren

Städtisches Krankenhaus Kaufbeuren

Mordanstalt Grafeneck

Weitere Informationen

Josef Faßnacht, geb. am 2. Juni 1905, ermordet am 5. September 1940 in Grafeneck

Josef Faßnacht ist am 2. Juni 1905 in Augsburg geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern Anna und Ägidius Faßnacht wohnt er bis zu seiner Erkrankung in Augsburg in der Schöpplerstraße 10. Sein Vater ist Reichsbahnschaffner. Josef hat eine sechs Jahre ältere Schwester, Maria (geb. 1899), die in ihrem elften Lebensjahr verstirbt. Seine zweite Schwester Maria Anna wird am 26.1.1911 geboren.1

Josef ist Maschinenzeichner und seit seinem 15. Lebensjahr bei der MAN beschäftigt. Er hat eine ordentliche Schulausbildung absolviert und gilt in der Firma als sehr fleißiger und zuverlässiger Arbeiter. Josef ist hoch sensibel, er wiegt nur 60 kg und ist 1,67 cm groß. Anfang Dezember 1936 beobachtet seine Mutter bei ihm eine Art von Melancholie, er unterhält sich nicht mehr mit den Angehörigen, nimmt keine Nahrung mehr zu sich und leidet an Schlaflosigkeit. Als er sich mit Selbstmordabsichten trägt, von Eltern und seiner Schwester Maria Anna Abschied nimmt und sich aus dem Fenster zu stürzen droht, verbringt ihn die Mutter in die psychiatrische Abteilung des Städtischen Krankenhauses Augsburg.2

Bei seiner Befragung ist er über Zeit und Ort orientiert, verspürt eine besondere Kraft in sich. Gleichzeitig glaubt er, dass man ihn vergiften wolle. Er habe dies aber dank seiner übernatürlichen Kräfte verhindern können. Über seine berufliche Laufbahn gibt er bereitwillig Auskunft. Bei dem Besuch seiner Mutter fällt er ihr stürmisch um den Hals und bittet sie um Vergebung. Er erkundigt sich mit großer Einfühlsamkeit nach ihrem Befinden.

Mit Zustimmung der Angehörigen wird er am 18.12.1936 in die Heil- und Pflegeanstalt nach Kaufbeuren überführt.3

Auch hier diagnostiziert man eine psychotische Erkrankung. Josef entwickle hypochondrische Vorstellungen, die er aus wahnhaften Beziehungen zur Umwelt aufbaue. Josef sei großen Gefühlsschwankungen und Ängsten unterworfen. Oft sei er völlig ratlos.4 Wohl als Folge der verabreichten Medikamente wirkt Josef antriebs- und affektlos, die Ärzte halten ihn für ängstlich, depressiv, rat- und orientierungslos.5 Auch ein Brief seiner Mutter, in dem sie ihren Besuch und seine baldige Entlassung ankündigt, löst bei ihm keine Gefühlsregungen hervor.6 Josef wird in Kaufbeuren in der Gärtnerei beschäftigt und gibt sich alle Mühe, baldmöglichst entlassen zu werden. Die Ärzte stellen fest, dass von Sinnestäuschungen und wahnhaften Gedankengängen bei ihm nichts mehr zu bemerken sei.7

Am 2. März 1937, also kein Vierteljahr nach seiner Einlieferung, beantragt die Anstaltsleitung in Kaufbeuren die Sterilisation des Patienten. Dem Einspruch seines als Vormund eingesetzten Vaters Ägidius Faßnacht gegen die Zwangssterilisation wird nicht stattgegeben.8

Am 9. April 1937 wird Josef Faßnacht ins Städtische Krankenhaus Kaufbeuren zur „Unfruchtbarmachung“ überführt und von dort nach diesem Eingriff am 17. April entlassen.9 Binnen von 14 Tagen darf Josef sogar wieder nach Hause, er muss sich aber mit seiner Mutter regelmäßig bei der Außenfürsorge in Augsburg einfinden.10 Seine Arbeit kann er nicht mehr aufnehmen. Als sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtert und er wiederum von Sinnestäuschungen geplagt wird, sich von Leuten gequält und beschimpft wähnt, keinen Schlaf mehr findet und einem Nachbarn droht, wird er am 10. Februar 1938 erneut in Kaufbeuren eingewiesen.11

Josef schreibt Briefe nach Augsburg, bezeichnet sich als SA-Mann und bittet imaginäre „Parteigenossen“ um Befreiung aus der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren.12 Josef wird mit Luminal ruhiggestellt und mit einem Gürtel fixiert. Da er gegenüber Mitpatienten gewalttätig wird, unterziehen ihn die Ärzte einer Insulinbehandlung.13 Seine Gedanken kreisen ständig um die SA, er schreibt weiter Briefe an vermeintliche „Kameraden“ in Augsburg und erhofft von ihnen Hilfe für seine Befreiung.14

Anfang Mai hat sich sein Gesundheitszustand wesentlich verbessert. Er macht auch psychische Fortschritte.15 Er schreibt Karten an seine Mutter und seine Schwester. Der Inhalt dreht sich weiterhin um Politik und um seine künftige Verehelichung.16 Er wolle ganz im Sinne des „Führers“ mit seiner Frau leben. Josef schreibt Briefe an seine imaginäre Schwiegermutter und bittet um die Hand der Tochter. Über Monate hinweg ändern sich seine Phantasien kaum, seine Gedanken kreisen um die „Bewegung“ und um seine Verehelichung.17

Im August wird Josef zunehmend gewaltbereiter. Er greift Mitpatienten an, wirft das Kruzifix und den Weihwasserkessel aus dem Fenster, attackiert den Pater, der eine Patientin besucht. Jedermann begrüßt er mit dem „deutschen Gruß“ und erwartet hunderte von Malen die gleiche Erwiderung.18 Seine Mitpatienten fordert er dazu auf, sich mit NS-Literatur zu beschäftigen anstelle von jüdisch-marxistischer Literatur. Die Ärzte setzen ihn wegen seiner Neigung zur Gewalttätigkeit unter Trional und isolieren den Patienten.19

In seinem Verhalten ändert sich die nächsten Monate kaum etwas, er beharrt unbeirrbar auf seinen Plänen zur „Nationalisierung“. Der Arzt notiert: „Versucht alle Kranken meist mit Brachialgewalt – für die nationalsozialistische Weltanschauung zu bekehren….. völlig unbelehrbar“.20 Josef legt sich mit fast allen Mitpatienten an.

Im Januar 1940 notiert der diensthabende Arzt: „in seinen Ideen völlig unverändert. Kam letzte Zeit mehrmals in Rauferei mit anderen Kranken. Vollkommen unverändert“.21

Nach wie vor gilt sein Hauptinteresse der Politik und der Partei. „Möchte in der Gärtnerei arbeiten, ist aber von seinen anti-religiösen Ideen nicht abzubringen.“22

Der letzte Eintrag in seiner Patientenakte lautet: „In letzter Zeit ziemlich wortkarg. … Muss immer von dem Abteilungssaal entfernt werden, wenn der Oberpfarrer während seiner Visite durch die Abteilung geht. Begrüßt den Arzt täglich mit dem Gruß der SA. Bezeichnet sich als SA Mann. Patient kann wegen seines bedrohlichen Verhaltens nirgends beschäftigt werden. Körperlich unverändert. Wird verlegt. Gez. Ma.“23

Am 5.9.1940 wird Josef Faßnacht mit 74 weiteren Männern nach Grafeneck „verlegt“ und dort im Rahmen der Aktion T-4 vergast.24

Mit ihm gemeinsam werden am gleichen Tag 27 weitere Augsburger Bürger, nämlich Johann Anholzer, geb. 3.12.1879; Dr. Rudolf Aurnhammer, geb. 28.1.1866; Nikolas Baur, geb. 18.11.1900; Wilhelm Bissinger, geb. 21.11.1888; Johann Blank, geb. 13.12.1885, Martin Büchs, geb. 29.10.1913, Franz Christa, geb. 2.11.1919; Johann Christl, geb. 7.12.1891; Johann Falter, geb. 28.10.1865; Otto Fürst, geb. 22.8.1908; Anton Ganzenmüller, geb. 16.10.1894; Michael Gaugigl, geb. 25.8.1891; Otto Hafenmaier, geb. 3.7.1884; Franz Xaver Hartl, geb. 13.8.1882; Balthasar Heinrich, geb. 9.12.1884; Leonhard Joas, geb. 1.10.1904; Ferdinand Kain, geb. 16.3.1905; Josef Kollmann, geb. 21.8.1893; Emil Klöpfer, geb. 30.10.1876; Josef August Lutz, geb. 24.10.1894; Emil Maas, geb. 14.1.1904; Karl Mannhardt, geb. 5.8.1904; Ruppert Morhart, geb. 25.4.1914; Franz Robl, geb. 6.10.1904; Franz Rossmann, geb. 30.11.1896; Oskar Schwarz, geb. 12.12.1881; Adolf Stempfle, geb. 28.3.1895 von Kaufbeuren aus nach Grafeneck deportiert und dort ermordet.25

Biografie erstellt von: Dr. Bernhard Lehmann, StD i.R.
86368 Gersthofen, Haydnstraße 53
bernhard.lehmann@gmx.de

  1. StadtAA, Auskunft von Georg Feuerer am 15.3.2019.
  2. BArch, R 179/8820 Patientenakte Josef Faßnacht.
  3. Wie Anmerkung 1.
  4. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht, Beobachtungen vom November 1936 bis Februar 1937.
  5. Ebd.
  6. Ebd., Beobachtungen vom 24.2.1937
  7. Ebd., Beobachtungen vom 11.3.1937.
  8. StadtAA, Gesundheitsamt, Akte Josef Faßnacht, Nr. 835.
  9. StadtAA, Gesundheitsamt Akte Josef Faßnacht, Nr. 835.
  10. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht. Bericht der Außenfürsorge vom 28.April 1937 und 22.12.1937. Es wird deutlich, dass Josef Faßnacht seinen labilen Gesundheitszustand und Psyche auf die Sterilisation zurückführt.
  11. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht, Aufzeichnungen vom 10.2.1938.
  12. Ebd.
  13. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht, Aufzeichnungen vom 4.3.1938.
  14. Ebd.
  15. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht, Aufzeichnungen vom 2.5.38 bis 11.6.38.
  16. Ebd.
  17. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht, Aufzeichnungen Juli und August 1938.
  18. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht, Aufzeichnungen August und September 1938.
  19. Ebd.
  20. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht; Aufzeichnungen vom März 1939.
  21. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht, Aufzeichnungen vom Januar 1940.
  22. BArch, R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht, Beobachtungen vom Januar 1940.
  23. Ebd.
  24. Die Kanzlei des Führers wurde mit der Durchführung der Krankenmorde beauftragt. Die Organisation wurde als „Zentraldienststelle“ getarnt und hatte ihren Sitz in der Tiergartenstraße 4. Die „Aktion T-4“ beinhaltete die systematische Ermordung von mehr als 70 000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen. Sie wurde zwar nach Protesten der Kirchen im August 1941 eingestellt, aber dann dezentral fortgesetzt. In den Heil- und Pflegeanstalten wurden in der Folgezeit Patienten mit Luminal und Skopolamin oder mit der sog. Hungerkost ermordet.
  25. Mittlerweile hat das Bundesarchiv die Namen der T-4 Opfer auf seiner Homepage veröffentlicht, deren Akten dort eingesehen werden können: https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Downloads/Aus-unserer-Arbeit/liste-patientenakten-euthanasie.pdf?__blob=publicationFile; vgl. auch: Hist. Archiv BKh Kaufbeuren: Standbücher der Zu- und Abgänge der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, Männer, Frauen 1940.

Bundesarchiv Berlin (BArch)
− R 179/8820 Patientenbogen Josef Faßnacht

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
− Gesundheitsamt, Akte Josef Faßnacht, Nr. 835

 

 

https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Downloads/Aus-unserer-Arbeit/liste-patientenakten-euthanasie.pdf?__blob=publicationFile

Götz Aly, Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte, Frankfurt 2014.

Michael Burleigh (Hg.), Tod und Erlösung. Euthanasie in Deutschland 1900-1945, Zürich 2002.

Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: Stefan Dieter (Hg.), Kaufbeuren unterm Hakenkreuz, Kaufbeurer Schriftenreihe Band 14, Thalhofen 2015, S. 270-287.

Ernst Klee, „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die Vernichtung „unwerten Lebens“, Frankfurt, 3. Auflage 2018.

Ulrich Pötzl, Sozialpsychologie, Erbbiologie und Lebensvernichtung. Valentin Faltlhauser, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1995.

Thomas Stöckle, Grafeneck. Die Euthanasieverbrechen in Südwestdeutschland, 3. Auflage, Tübingen,  2012.