Krankenmord-Opfer

Konzepte von „Eugenik“, deutsch „Rassehygiene“, waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet: Die Entwicklung der Menschheit sollte durch Züchtung einerseits und Beseitigung unerwünschten Erbgutes andererseits positiv beeinflusst werden. Der NS-Staat nutzte das für sein „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat. Als „erbkrank“ galt lt. § 1, wer an einer der folgenden Krankheiten litt: „1. angeborenem Schwachsinn, 2. Schizophrenie, 3. zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein, 4. erblicher Fallsucht (heute Epilepsie), 5. erblichem Veitstanz (heute Chorea Huntington), 6. erblicher Blindheit, 7. erblicher Taubheit, 8. schwerer erblicher körperlicher Missbildung.“ Auch „schwerer Alkoholismus“ wurde genannt. Die Sterilisierung sollte „eine allmähliche Reinigung des Volkskörpers und die Ausmerzung von krankhaften Erbanlagen bewirken“.

Auf dieser Grundlage wurden Psychiatriepatienten und Behinderte zwangsweise unfruchtbar gemacht. Viele Menschen aus Augsburg, die in die „Heil- und Pflegeanstalt Kauf¬beu¬ren-Irsee“ eingeliefert wurden, erlitten dieses Schicksal.

Noch weiter ging unter dem Begriff „Euthanasie“ ein umfangreiches Programm des NS-Staates zur Tötung von Kranken und Behinderten. „Euthanasie“ bedeutet eigentlich „schöner Tod“ im Sinne eines leichten (nicht qualvollen oder vorzeitigen) Sterbens. NS- Ideologen behaupteten nun, das Leben von Psychiatriepatienten sei für diese eine Qual, man müsse und dürfe sie „erlösen“. Von Hitler wurde ein auf den 1.9.1939 rückdatierten „Euthanasie-Erlass“ unterzeichnet. In der Berliner Tiergartenstraße 4 (daher wurde die Aktion als „T4“ bezeichnet) wurden Gutachter bestimmt, die detaillierte Meldebögen aller psychiatrischen Anstalten auswerteten und unter großer Geheimhaltung Anweisungen zum Töten gaben. Große Teile der Ärzteschaft unterstützten diese Praktiken.

Gerade auch Reformpsychiater wie Dr. Valentin Faltlhauser (1876-1961), der als junger Arzt in Kaufbeuren-Irsee nach Methoden der Heilung für psychisch Kranke suchte, ließen sich dafür gewinnen, unheilbar Kranke zu beseitigen. Das betraf auch Kinder. Die Krankenmorde geschahen zunächst in Gaskammern, was aber zu Unruhe in der Bevölkerung führte – die Transporte in die sechs zentralen Tötungsorte ließen sich nicht dauerhaft verheimlichen. Deshalb bevorzugte man eine Überdosis von Medikamenten (Luminal, Morphium-Scopolamin), oder auch einfach den Entzug von Nahrungsmitteln („E-Kost“).

Für zwei eher zufällig ausgewählte Patientinnen aus Augsburg, die in Kaufbeuren-Irsee auf diese Weise getötet wurden, haben wir Biografien geschrieben: für Sophie K. und Josepha S. Die Texte stützen sich auf die Krankenakten, die in Kaufbeuren aufbewahrt werden. Nach dem bayerischen Archivgesetz dürfen die vollen Namen der „Euthanasie“-Opfer noch immer nicht genannt werden, da schutzwürdige Belange der Angehörigen berührt werden könnten. Deshalb mussten wir die Namen abkürzen.

Das bekannteste „Euthanasie“-Opfer in Kaufbeuren-Irsee ist der Junge Ernst Lossa. Er wurde vom Katholischen Kinderheim in Hochzoll-Nord, wo er aufgewachsen war, als „unerziehbar“ zunächst in ein Erziehungsheim in Markt Indersdorf verbracht, von dort 1942 als „gemeinschaftsunfähig“ nach Kaufbeuren. Seine Eltern waren als Jenische nicht ständig sesshaft und wurden schon vor der NS-Zeit polizeilich schikaniert. Für seine Biografie konnten wir uns auf die Arbeiten von Ernst T. Mader, Michael von Cranach und Robert Domes stützen.

Dr. Michael Friedrichs

Literatur

Götz Aly, Die Belasteten: „Euthanasie“ 1939-1945 – eine Gesellschaftsgeschichte, Frankfurt 2014.

Michael von Cranach, In Memoriam, Ausstellung in Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms aus Anlass des XI. Weltkongresses für Psychiatrie in Hamburg, Kaufbeuren 1999.

Michael von Cranach/Hans-Ludwig Siemen (Hg.), Psychiatrie im Nationalsozialismus, München 1999.

Magdalene Heuvelmann, „Geistliche Quellen“ zu den NS-Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee, Irsee 2013.

Ernst Klee, „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die „Vernichtung unwerten Lebens“, Frankfurt 2014.

Ernst T. Mader, Das erzwungene Sterben von Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee zwischen 1940 und 1945 nach Dokumenten und Berichten von Augenzeugen, Blöcktach 1982.

Frank Schneider/Petra Lutz, Erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus, Luxemburg 2014.

Sophie K.

Geboren

April 1904

Gestorben

29.05.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Johann Mayer

Geboren

08.10.1919

Gestorben

05.06.1941

Letzter freiwilliger Wohnort

Gersthofen, Heimstättenweg 3

Josepha S.

Geboren

17.11.1884

Gestorben

27.07.1944

Letzter freiwilliger Wohnort