Sofia Anna Winter

Geboren: 14.03.1917, Stuttgart

Gestorben: 13.05.1944, Auschwitz

Wohnorte

Stuttgart-Bad Cannstatt, Quellenstraße 150
Stuttgart-Bad Cannstatt, Brunnenstraße 7
Augsburg,
Gersthoferstraße Wohnwagenplatz Kiernermühle
Augsburg,
Weißstraße 1
Augsburg,
Brentanostraße 20
Augsburg
Donauwörtherstraße 2
Augsburg, Fischerholz
Augsburg
Donauwörtherstraße 83
Augsburg,
Feldstraße 30

Orte der Verfolgung

Deportation
in das KZ Dachau
Ankunft am 11. März 1943

Weitertransport
nach Auschwitz
Ankunft am 14. März 1943

Erinnerungszeichen


Am 10. November 2017 wurde
ein Erinnerungsband für die
Familie Winter in der
Donauwörther Straße 83
angebracht.

Weitere Informationen

Sofia Anna Winter ist die älteste Tochter von Franz Reinhardt und seiner Frau Maria Reinhardt, geb. Winter. Sie kommt am 14. März 1917 im Stuttgarter Ortsteil Haslach zur Welt. Standesamtlich registriert wird sie unter dem Geburtsnamen ihrer Mutter als Sofia Anna Winter, in anderen Dokumenten wird ihr Vorname auch als Sofie Anna oder Sophie angeführt. In ihrer Familie nennt man sie sicherlich mit einem anderen, der Mehrheit unbekannten  Namen, wie es bei Sinti-Familien üblich ist. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt waren die Eltern, die beide zur Minderheit der Sinti gehören, offenbar noch nicht nach bürgerlichem Gesetz verheiratet, sondern nach den Gebräuchen der Minderheit. Deshalb trägt sie den Nachnamen der Mutter, also Winter.

Die Familie lebt wohl so wie viele andere Sinti-Familien im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts: Als reisende Händler verdienen Franz und Maria Reinhardt ihren Lebensunterhalt, indem sie im bayerischen und württembergischen Schwaben Handel treiben, vermutlich mit Pferden, Haushaltsgegenständen, Bettwäsche, Tischdecken und ähnlichem. Die Kinder sind wohl mit unterwegs, gehen nur zeitweise oder gar nicht zur Schule. In der kalten Jahreszeit nimmt die Familie eine feste Wohnung oder bleibt in ihren Wagen auf einem Wohnwagen-Lagerplatz. Schon in der Weimarer Republik sind die Sinti-Familien zahlreichen Kontrollen und Einschränkungen ausgesetzt. Nach 1933 verschärft sich dies erheblich, dazu kommen der Verlust der Bürgerrechte, Verfolgungsmaßnahmen und Inhaftierungen.

Laut Akten des Wohlfahrtsamts sind Franz und Maria Reinhardt mit ihren Kindern im Dezember 1937 auf dem „Zigeunerplatz Kiernermühle“ an der Gersthofer Straße registriert. In den Akten werden die prekären Lebensverhältnisse geschildert, aber auch die Familien sehr abwertend dargestellt: „9 Wohnwagen u. Hütten; 35 Personen. Augsburger aus asozialen Familien, manche berüchtigt. Kein Trinkwasser, keine Sanitäranlagen, Schulbesuch kaum möglich, die Kinder krank. Das Amt empfiehlt, die Kinder wegzunehmen. Schandfleck für die Stadt.“ Nachtrag eines Mitarbeiters Mundt am 27.12.37: „Von den 22 Kindern waren 10 im Krankenhaus. Die Polizeidirektion will die Stadt bei Auflösung des Lagers unterstützen.“ Mundts Empfehlung: „Das Gewerbeamt soll keine Wandergewerbescheine mehr ausstellen.“ Der Amtsmitarbeiter hält also das berufliche Umherziehen und das Leben im Wohnwagen für die Ursache des Übels.

Zur Familie Reinhardt heißt es: „Die ganze Familie lebt von Unterstützungen des Wohlfahrtsamts seit 1930.“ Sofia Anna, oder Sofie, wie sie hier genannt wird, ist mit ihrem ersten Kind Gabriel, geboren am 9. Mai 1937 in Augsburg, bei der Familie auf dem Wohnwagenplatz. Sie hat „eine größere Verwundung an der Hand erlitten“, wie es in den Akten heißt. Zusammen mit ihrem Bruder Ferdinand soll sie „zum Arbeitsauftrag vorgeführt“ werden, d. h. zur Zwangsarbeit.

Im Januar 1938 wird die Familie Reinhardt benachrichtigt, dass sie wie die acht anderen Familien den Wohnwagenplatz verlassen müssen. Das Wohlfahrtsamt bietet Hilfe bei der Suche nach einer Unterkunft an. Am 7. März 1938 wird das Lager unter Mitwirkung von Polizisten aufgelöst. Franz und Maria Reinhardt finden mit ihren beiden jüngeren Kindern Unterkunft im Gasthof Sonne in der Weißstraße 1.

Sofia Anna ist dort im Jahr zuvor, im Frühling und im Herbst 1936, auch schon gemeldet, wie ihrer Meldekarte zu entnehmen ist. Sie kommt aus Suttgart-Cannstatt und fährt wieder dorthin. Die älteste Tochter der Familie Reinhardt ist jetzt fast 20 Jahre alt und lebt offenbar nicht mehr ständig bei den Eltern, sondern hat vermutlich einen Partner, mit dessen Familie sie auf die Reise geht. Viele Sinti sind ambulante Händler, und Sofias neue Familie  wird diesem  Gewerbe zwischen Stuttgart und Augsburg nachgehen. Vielleicht handelt es sich auch um Artisten oder Schausteller, zu denen möglicherweise Sofia Annas Onkel Rupert gehört. Jedenfalls hat Sofia Anna als Beruf „Tänzerin“ angegeben. In der Meldekarte steht aber außerdem auch „Hilfsarbeiterin“ – das wiederum lässt auf Zwangsarbeit schließen.

In den folgenden Jahren ist Sofia Anna an verschiedenen Orten in Augsburg gemeldet: in der Brentanostraße 20, der Donauwörtherstraße 2 (das ist die Gaststätte „‚Äußerer Zoll“ von Josef Gleich), im Fischerholz, der Donauwörtherstraße 83 (da vermieten laut Adressbuch von 1940 der Hilfsarbeiter Josef Haushammer, der Glaser Xaver Hillenbrand und der Rentner Johann Hillenbrand Zimmer) und zuletzt in der Feldstraße 32. Dazwischen sind bis 1938 immer wieder Aufenthalte in Bad Cannstatt, Stuttgart und Tübingen registriert. Danach kann Sofia Anna nicht mehr reisen, 1939 erlässt SS-Führer und Polizeichef Heinrich Himmler einen so genannten „Festsetzungsbeschluss“, der den Sinti und Roma ihre Reisetätigkeit untersagt.

Nach ihrem ersten Kind, Gabriel, am 9. Mai. 1937 in Augsburg geboren, hat Sofia Anna noch zwei Kinder zur Welt gebracht: Karl, geboren am 17. März 1940 in Augsburg, und Roswitha, geboren am 14. März 1942 ebenfalls in Augsburg. Wer der Vater der Kinder ist, ist in den Meldekarten von Mutter und Kindern nicht angegeben. Wohl aber wird eine enge Verbindung zur Verwandtschaft, zur Großmutter und den Brüdern ihrer Mutter deutlich.

Die Großmutter Kreszenz Winter gibt laut Meldekarte 1938 der Polizei Auskunft, dass Sofia Anna sich in Bad Cannstatt aufhält. Kreszenz ist laut Adressbuch von 1941 mit ihrem Sohn Johann, Sofia Annas Onkel, im Fischerholz gemeldet, wo auch Sofia Anna zeitweise lebt. Im Januar und Februar 1940 sind Sofia Annas Eltern in Augsburg verhaftet worden. Die junge Frau lebt zu dieser Zeit im Fischerholz und danach in der Donauwörtherstraße 83, wo auch ihr Onkel Rupert Winter gemeldet ist. Die Verwandten halten zusammen und versuchen, einander zu helfen; vielleicht kümmert sich Sofia Anna auch um ihre jüngeren Geschwister Ferdinand und Marie. Die drei Jahre von 1940 bis 1943 verbringt Sofia Anna in Augsburg. Wie die anderen Sinti und Roma wird sie von Behörden und Polizei des NS-Staats kontrolliert, schikaniert  und verfolgt. Sie wird sich und ihre drei kleinen Kindern durch Gelegenheitsarbeiten oder Zwangsarbeit sowie mit der Hilfe der Verwandten ernähren; sie wird sich möglichst unauffällig verhalten, um nicht in die Fänge der Polizei zu geraten.

Als Wohnort ist im Herbst 1942 auf ihrer Meldekarte Feldstraße 32 in Augsburg angegeben. Laut Adressbuch existiert aber nur eine Feldstraße 30 – das ist das Gaswerk. Vielleicht hat Sofia Anna die Möglichkeit bekommen, sich dort aufzuhalten, entweder im Wohnwagen oder in einem der Gebäude? Auch auf der Meldekarte ihres ersten Sohnes Gabriel ist für Oktober 1942 die Feldstraße 32 angeführt. Ihre kleine Tochter Roswitha wird die junge Mutter ebenfalls bei sich haben; der zweite Sohn Karl ist ins Kinderheim nach Friedberg gebracht worden.

Als letzter freiwilliger Wohnort von Sofia Anna Winter muss entweder die Feldstraße 30 gelten, oder aber die Donauwörther Straße 83, wo sie im Januar 1942 bei Hillenbrand gemeldet war.

Um die Jahreswende 1942/43 verfügt der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler in seinem „Auschwitz-Erlass“, etwa 13.000 Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz zu deportieren. Auch Sofia Anna und ihre Kinder werden Opfer des Himmler-Erlasses. Am 1. März werden sie von Augsburg abgemeldet, am 14. März 1943 kommen sie nach Auskunft des International Tracing Service Arolsen in Auschwitz an. Sofia Anna wird unter der Häftlingsnummer Z 3568 registriert, zusammen mit ihrem gerade mal ein Jahr alten Töchterchen Roswitha und der Großmutter Kreszenz. Die beiden kleinen Söhne Gabriel und Karl kommen am gleichen Tag im Lager an, und mit ihnen Sofias Onkel Rupert und Johann Winter.

Wahrscheinlich wird die Familie im so genannten Zigeuner-Familienlager in Auschwitz-Birkenau untergebracht, in dem Tausende an Hunger und Seuchen umkommen. Auch Sofia Annas jüngere Geschwister, Ferdinand und  Maria, und ihr Vater Franz werden in dieses Lager gebracht; vielleicht können sie dort noch zusammen sein. Sofia Anna stirbt am 13. Mai 1944. Sie ist 27 Jahre alt. Zu Todesort und Todesursache gibt es keine Angaben.

Angela Bachmair

Franz Reinhardt

Geboren

05.01.1898

Gestorben

10.08.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Maria Reinhardt, geb. Winter

Geboren

15.05.1894

Gestorben

Datum nicht bekannt

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Ferdinand Reinhardt

Geboren

12.01.1923

Gestorben

03.11.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Marie Reinhardt

Geboren

11.02.1924

Gestorben

13.01.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Rupert Winter

Geboren

26.03.1897

Gestorben

01.07.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Donauwörther Straße 83

Kreszenz Winter

Geboren

16.12. (oder 04.) 1863

Gestorben

31.05.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Fischerholz

Johann Winter

Geboren

09.02.1891

Gestorben

12.11.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Fischerholz

Roswitha Winter

Geboren

14.01.1942

Gestorben

24.04.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Donauwörther Straße 83

Gabriel Winter

Geboren

09.05.1937

Gestorben

1943 oder 1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Donauwörther Straße 83

Karl Winter

Geboren

17.03.1940

Gestorben

1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Donauwörther Straße 83

Archiv des ITS Bad Arolsen
– Schriftliche Auskunft

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarte (MK)
-MK Sofie Anna Winter
-MK Gabriel, Karl und  Roswitha Winter
-MK Franz Reinhardt

Akten des Wohlfahrtsamts:
– Nr. 399

Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma (Hg.), Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau/Memorial Book. The Gypsies at Auschwitz-Birkenau/Księga Pamięci. Cyganie w obozie koncentracyjnym Auschwitz-Birkenau, 2 Bde., München/London/New York/Paris 1993.

www.auschwitz.org (aufgerufen am 13.06.2106)

www.its-arolsen.org (aufgerufen am 13.06.2106)

Angela Bachmair, Wir sind stolz, Zigeuner zu sein, Augsburg 2014.

Guenter Lewy, Rückkehr nicht erwünscht, München/Berlin 2001.

Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid, Hamburg 1996.