Seraphina Stegmaier, geb. Elchinger

Geboren: 23.10.1884, Kaisheim

Gestorben: 06.06.1943, Auschwitz

Wohnorte

Weilheim
München
Göggingen

Orte der Verfolgung

Frauengefängnis Aichach
Auschwitz

Weitere Informationen

Seraphina Stegmaier, geb. Elchinger, wird am 23. Oktober 1884 in Kaisheim geboren. Ihr Vater ist unbekannt; ihre Mutter Sofie Elchinger ist Wanderschauspielerin und deshalb viel unterwegs. Sie heiratet später Joseph Stegmaier, der ein Marionettentheater besitzt. Mit ihm hat sie vier Kinder. Ihre älteste uneheliche Tochter Seraphina gibt sie nach Weilheim zu dem Buchbinderehepaar Schmid in Pflege.

Dort geht es Seraphina offenbar gut. Doch mit elf Jahren nimmt die Mutter sie zu sich, und sie zieht mit der Theatertruppe herum. Seraphina sagt, zu ihr sei die Mutter nie gut gewesen, nur zu den anderen Kindern. In der Familie habe es oft große Not und viel Streit gegeben. Zehn Jahre lang geht das Mädchen zur Schule, mit mäßigem Erfolg wegen der häufigen Ortswechsel. Als sie 16 Jahre alt ist, kann Seraphina für zwei Jahre zu ihrer Tante ziehen, die in München als Hausiererin ihren Lebensunterhalt verdient.

Nach der Schulentlassung wird sie Fabrikarbeiterin, ist gewerkschaftlich aktiv, arbeitet während des ersten Weltkriegs als Lazaretthelferin. Sie lebt mit dem Ziegelbrenner Otto Stegmaier in Göggingen zusammen, möglicherweise ein Verwandter ihres Stiefvaters. Von Otto bekommt sie 1904 den Sohn Otto und 1905 die Tochter Wilhelmine. Die Familie ist arm, denn ein Ziegelbrenner verdient keine Reichtümer. Seraphina wäscht und putzt für andere Leute. 1914 heiratet sie Otto Stegmaier.  Der ist nach ihrer Aussage Trinker, fällt des Öfteren ins „delirium tremens“, wie sie berichtet, es gibt viel Streit. Doch Seraphina weigert sich, ihren Mann in eine Anstalt einweisen zu lassen, sie will sich auch nicht von ihm trennen. Ihre Straftaten schreibt sie seinem schlechten Einfluss und der materiellen Not ihrer Familie zu.

Seraphina Stegmaier wird immer wieder straffällig, vor allem wegen Diebstahl und Darlehensbetrügereien. Das heißt, sie stiehlt, erschwindelt sich Geld und leiht sich Geld, das sie dann nicht zurückzahlt – Straftaten, die als Kleinkriminalität aus Armut anzusehen sind, mit denen sie versucht, sich und ihre Kinder über Wasser zu halten. 1940 spricht das Landgericht Augsburg zum 21. Mal eine Strafe gegen sie aus, bis zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits Haftstrafen von insgesamt über 7 Jahren hinter sich. Vor allem saß sie im Frauengefängnis Aichach ein.

Im Juli 1940 steht Seraphina Stegmaier also in Augsburg vor dem Landgericht. Sie ist 56 Jahre alt. Ein Polizeifoto zeigt sie als kräftige dunkelhaarige Frau, sie wirkt gelassen und selbstbewusst. Ihr werden „Verbrechen gegen die Verordnung gegen Volksschädlinge“ vorgeworfen, ein mit Kriegsbeginn verabschiedetes juristisches Instrument, mit dem verschiedene Tatbestände abschreckend streng und sehr willkürlich bestraft werden können. Für das Verfahren fordert der Staatsanwalt ein Gutachten der kriminalbiologischen Sammelstelle Bayern an. Das stellt zwar die schwierigen Lebensumstände in Rechnung (die Rede ist vom „minderwertigen Jugendmilieu“ unter Wanderschauspielern, auch das „biologische Erbe“ wird als minderwertig bezeichnet), bewertet Seraphina Stegmaier aber als „chronische Schwindlerin“ mit schlechter sozialer Prognose und als „gefährliche Gewohnheitsverbrecherin, die keine Rücksicht verdient“. So genannte „Berufs- oder Gewohnheitsverbrecher“ und „Asoziale“ bekämpft der NS-Staat schon seit der Machtergreifung 1933, unter anderem mit Vorbeugehaft und lebenslanger Sicherungsverwahrung.

Vermutlich wird Seraphina Stegmaier auch nach dem Urteil des Augsburger Landgerichts im Sommer 1940 wieder im Frauengefängnis Aichach inhaftiert, vermutlich ordnet das Gericht auch Sicherungsverwahrung an. Beides, ihre langjährigen Haftstrafen und die Sicherungsverwahrung, bedeuten das Todesurteil. Denn im Oktober 1942 verfügt NS-Justizminister Otto-Georg Thierack in einem Erlass die „Auslieferung asozialer Elemente“ aus dem Strafvollzug an die SS zur „Vernichtung durch Arbeit“. Alle inhaftierten Juden, Zigeuner, Russen und Ukrainer sowie Polen mit mehr als drei Jahren und Tschechen wie Deutsche mit mehr als acht Jahren Haftstrafe oder Sicherungsverwahrung sind der SS zu übergeben.

Vermutlich wird Seraphina Stegmaier vom Gefängnis Aichach direkt ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. In Aichach beginnen im März 1943 die Transporte nach Auschwitz. Innerhalb von drei Tagen werden 92 Frauen, die in Sicherungsverwahrung einsitzen, auf den Transport geschickt, insgesamt sind es mehr als 350 weibliche Gefangene. Sie kommen in das Frauenlager von Auschwitz-Birkenau, in dem zu dieser Zeit das Fleckfieber grassiert. 80 Prozent der inhaftierten Frauen sterben, die meisten schon in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft in Auschwitz.

Auch Seraphina Stegmaier ist unter den Toten. Am 6. Juni 1943 stirbt sie in Auschwitz. Der Totenschein vermerkt als Todesursache „Urämie“, also Harnvergiftung durch Nierenversagen. Seraphina Stegmaier wurde 58 Jahre alt.

Angela Bachmair

Archiv des ITS Bad Arolsen
– Totenschein Seraphina Stegmaier

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA)
Bayerisches Oberstes Landesgericht (BayOLa)
– Kriminalbiologische Sammelstelle,
Akte 2424

Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hg.), Sterbebücher von Auschwitz, 1995.

www.auschwitz.org (aufgerufen am 13.06.2106)
www.its-arolsen.org (aufgerufen am 13.06.2106)

Rudolf Stumberger, Die vergessenen Frauen von Aichach, in: Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte 3/2013, S. 198-207.