Marie Reinhardt

Geboren: 11.02.1924, Höchstädt a. d. Donau

Gestorben: 13.01.1944, Auschwitz

Wohnorte

Höchstädt a. d. Donau
Tübingen
Wuppertal-Elberfeld
Augsburg,
Gersthoferstraße Wohnwagenplatz Kiernermühle, Donauwörtherstraße 2, Weißstraße 1

Orte der Verfolgung

am 31. März 1943 nach Auschwitz, dort angekommen am 16. April 1943

Erinnerungszeichen

Am 4. Mai 2017 wurde ein Erinnerungsband für die Familie Reinhardt in der Donauwörther Straße 90 angebracht.

Weitere Informationen

Marie (Maria) Reinhardt ist die jüngste Tochter von Franz Reinhardt und seiner Frau Maria Reinhardt, geb. Winter.

Sie wird am 11. Februar 1924 in Höchstädt an der Donau geboren. Ihr Bruder Ferdinand ist zu diesem Zeitpunkt ein Jahr alt, die ältere Schwester Sofia Anna sieben Jahre.

Die Familie lebt wohl so wie viele andere Sinti-Familien im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts: Als reisende Händler verdienen Franz und Maria Reinhardt ihren Lebensunterhalt, indem sie im bayerischen und württembergischen Schwaben Handel treiben, vermutlich mit Pferden, Haushaltsgegenständen, Bettwäsche, Tischdecken und ähnlichem. Die Kinder sind wohl mit unterwegs, gehen nur zeitweise oder gar nicht zur Schule. In der kalten Jahreszeit nimmt die Familie eine feste Wohnung oder bleibt in ihren Wagen auf einem Zigeuner-Lagerplatz. Schon in der Weimarer Republik sind die Sinti-Familien zahlreichen Kontrollen und Einschränkungen ausgesetzt. Nach 1933 verschärft sich dies erheblich, dazu kommen der Verlust der Bürgerrechte, Verfolgungsmaßnahmen und Inhaftierungen.

Franz Reinhardts Meldekarte dokumentiert zahlreiche Aufenthalte in Augsburg, u. a. am Predigerberg und in der Neuburger Straße, sowie Reisen zwischen Augsburg, Tübingen, Heilbronn und Höchstädt. Und in Höchstädt bringt seine Frau Maria die jüngste Tochter zur Welt, die den Vornamen der Mutter erhält, aber im Unterschied zu ihr Marie genannt wird. (Zumindest gegenüber den Behörden wird sie so genannt; in der Familie hat sie gewiss ihren Sinti-Namen. Der ist aber nicht dokumentiert und deswegen nicht bekannt.)  

Laut Akten des Wohlfahrtsamts sind Franz und Maria Reinhardt im Jahr 1937 auf dem Zigeunerplatz Kiernermühle an der Gersthofer Straße registriert. Seit 1930 erhält die Familie Unterstützung vom Wohlfahrtsamt, so schreibt ein Kriminal-Bezirkssekretär Wagner nach seinem Kontrollbesuch bei der Kiernermühle. In den Akten heißt es: „9 Wohnwagen u. Hütten; 35 Personen. Augsburger aus asozialen Familien, manche berüchtigt. Kein Trinkwasser, keine Sanitäranlagen, Schulbesuch kaum möglich, die Kinder krank. Das Amt empfiehlt, die Kinder wegzunehmen. Schandfleck für die Stadt.“ Nachtrag eines Mitarbeiters Mundt am 27.12.37: „Von den 22 Kindern waren 10 im Krankenhaus. Die Polizeidirektion will die Stadt bei Auflösung des Lagers unterstützen.“ Mundts Empfehlung: „Das Gewerbeamt soll keine Wandergewerbescheine mehr ausstellen.“ Der Amtsmitarbeiter hält also das berufliche Umherziehen und das Leben im Wohnwagen für ein Übel.

Im Januar 1938 wird die Familie Reinhardt benachrichtigt, dass sie wie die acht anderen Familien den Wohnwagenplatz verlassen müssen. Das Wohlfahrtsamt bietet Hilfe bei der Suche nach einer Unterkunft an. Am 7. März 1938 wird das Lager unter Mitwirkung von Polizisten aufgelöst.

Franz und Maria Reinhardt finden  mit den beiden jüngeren Kindern Unterkunft in der Weißstraße 1 bei Huber. Es handelt sich um die Gaststätte Sonne, die von der Gastwirtswitwe Mathilde Huber in Erdgeschoß und erstem Stock betrieben wird, Hier nehmen immer wieder Sinti Wohnung – vielleicht können hier auch Pferde und Wagen untergestellt werden. Schon am 21. März 1938 ist auf Franz Reinhardts Meldekarte der Familienvater „mit Ehefrau und Kind Marie“ in der Weißstraße 1 gemeldet. Die älteste Tochter Sofia ist 21 Jahre alt und lebt offenbar nicht mehr mit ihren Eltern und Geschwistern. Die beiden jüngeren Kindern, Ferdinand und Marie, sind 15 und 14 Jahre alt.

Mari zieht im März 1938 mit der Mutter in die Weißstraße 1 ein.Kurz darauf reist sie nach Tübingen, kommt dann im Herbst wieder nach Augsburg zurück, wo sie sich in der Donauwörtherstraße 2 (das ist die Gaststätte „Äußerer Zoll“ von Josef Gleich) anmeldet. Mitte April 1939 reist sie nach Wuppertal-Elberfeld. Möglicherweise hat sie dorthin Gabriel, den zweijährigen Sohn ihrer Schwester Sofia Anna, mitgenommen, wie dessen Meldekarte nahelegt. Warum und mit wem Marie diese Reisen unternimmt, ist nicht bekannt.

Am 4. Oktober 1939 ist Marie immer wieder in der Weißstraße 1 gemeldet, das ist der letzte Eintrag auf ihrer Meldekarte. Als Beruf der jetzt 15Jährigen ist „Dienstmädchen“ angegeben. Außerdem steht da noch „Zigeunermischling“; das Mädchen ist also möglicherweise ebenso wie ihre Familie von den so genannten Rassehygienischen Forschern registriert und eingeordnet worden.  Vielleicht hat aber auch nur ein willfähriger Behördenmitarbeiter den der NS-Rasseideologie entsprechenden Begriff eingetragen.

Maries Vater Franz Reinhardt lebt bis Februar 1940 in Augsburg Weißstraße 1,  dann wird er verhaftet. Maries Mutter ist schon im Januar 1940 verhaftet worden – ein endgültiger Abschied für Marie; sie wird ihre Mutter nie mehr sehen. Wie und wo das Mädchen die Zeit nach der Verhaftung seiner Eltern verbringt, ist nicht bekannt. Vielleicht bleibt Marie in der Weißstraße 1, wahrscheinlich kümmern sich die ältere Schwester Sofia, die Großmutter Kreszenz Winter sowie die Onkel Rupert und Johann Winter um sie.

Um die Jahreswende 1942/43 verfügt der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler in seinem „Auschwitz-Erlass“, etwa 13.000 Sinti und Roma ins Vernichtungslager Auschwitz zu deportieren. Im Frühling 1943 wird auch Marie Opfer des Himmler-Erlasses, am 31. März wird sie von Augsburg nach Auschwitz deportiert. Sie kommt erst zwei Wochen später, am 16. April 1943,   mit einem Transport aus Österreich im Lager an und erhält die Häftlingsnummer Z 6792 (nach Auskunft des International Tracing Service Arolsen wurde diese Nummer am 16. 4. 43 ausgegeben). Vermutlich wird auch Marie im so genannten Zigeuner-Familienlager von Auschwitz-Birkenau untergebracht, in dem Tausende an Hunger und Seuchen umkommen. Vielleicht gelingt es Marie hier, noch mit ihrem Vater und ihren Geschwistern zusammen zu sein.  Marie Reinhardt hält selbst unter diesen Bedingungen noch neun Monate lang durch. Am 13. Januar 1944 stirbt sie. Sie ist noch keine 20 Jahre alt. Todesort und Todesursache sind im Hauptbuch des Zigeunerlagers und in der Liste des Reichskriminalpolizeiamts nicht angegeben.

Angela Bachmair

Franz Reinhardt

Geboren

05.01.1898

Gestorben

10.08.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Maria Reinhardt, geb. Winter

Geboren

15.05.1894

Gestorben

Datum nicht bekannt

Letzter freiwilliger Wohnort

vermutlich Augsburg, Weißstraße 1

Sofia Anna Winter

Geboren

14.03.1917

Gestorben

13.05.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Feldstraße 30 oder Donauwörther Straße 83

Ferdinand Reinhardt

Geboren

12.01.1923

Gestorben

03.11.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Kreszenz Winter

Geboren

16.12. (oder 04.) 1863

Gestorben

31.05.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Fischerholz

Johann Winter

Geboren

09.02.1891

Gestorben

09.11.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Fischerholz

Rupert Winter

Geboren

26.03.1897

Gestorben

01.07.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Donauwörther Straße 83

Archiv des ITS Bad Arolsen
– Verstorbenenliste RKPA

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarte (MK)
– MK Marie Reinhardt
– MK Franz Reinhardt

– Akten des Wohlfahrtsamts Nr. 399

Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma (Hg.), Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau/Memorial Book. The Gypsies at Auschwitz-Birkenau/Księga Pamięci. Cyganie w obozie koncentracyjnym Auschwitz-Birkenau, 2 Bde., München/London/New York/Paris 1993.

www.auschwitz.org (aufgerufen am 13.06.2106)
www.its-arolsen.org (aufgerufen am 13.06.2106)

Angela Bachmair, Wir sind stolz, Zigeuner zu sein, Augsburg 2014.

Guenter Lewy, Rückkehr nicht erwünscht, München/Berlin 2001.

Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid, Hamburg 1996.