Maria Reinhardt, geb. Winter

Geboren: 15.05.1894, Münchsdorf/Bayern

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Augsburg, Predigerberg, Neuburgerstraße, Weißstraße 1
Tübingen
Stuttgart
Heilbronn
Höchstädt
Mindelheim

Orte der Verfolgung

am 16. Januar 1940 Verhaftung in Augsburg
Landgerichtsgefängnis Hof
am 20. April 1940 in das KZ Ravensbrück
KZ Buchenwald:
– KZ-Außenlager Schlieben
– KZ-Außenlager Altenburg
– KZ-Außenlager Taucha

Erinnerungszeichen

Am 4. Mai 2017 wurde ein Erinnerungsband für die Familie Reinhardt in der Donauwörther Straße 90 angebracht.

Weitere Informationen

Maria Reinhardt, geb. Winter kommt am 15. Mai 1894 in Münchsdorf bei Eggenfelden zur Welt. Ihre Eltern sind (laut einem Eintrag im Häftlingspersonalbogen des Konzentrationslagers Buchenwald) August Krist und Creszenz Winter. Maria hat die Volksschule besucht (auch das steht im Personalbogen), und sie kann schreiben.

Maria Winter heiratet Franz Reinhardt, der am 5. Januar 1898 in Gerolfingen bei Dinkelsbühl geboren wurde. Das Paar hat drei Kinder:
Sofia Anna, geb. am 14. März 1917 in Stuttgart-Haslach,
Ferdinand, geb. am 12. Januar 1923 in Breitenbrunn bei Mindelheim und
Maria, geb. am 11. Dezember (oder Februar) 1924 in Höchstädt an der Donau.

Maria Reinhardt gibt als Beruf „Händlerin“ an. So steht es in der Häftlingspersonalkarte der Konzentrationslager Ravensbrück und Buchenwald. Dort steht auch, das sie „Zigeunerin“ ist.  Auf der Meldekarte von Franz Reinhardt im Stadtarchiv Augsburg ist vermerkt: „Laut Mitteilung der Krim.Pol. ist die Ehefrau Zigeunermischling“. Auch Franz Reinhardt wird als „Zigeunermischling“ bezeichnet, als sein Beruf ist „Händler“, als Religion „katholisch“, als Familienstand „getrennt lebend“ angegeben. Maria Reinhardt hat sich also irgendwann von ihrem Mann getrennt, oder er sich von ihr. Oder aber Franz Reinhardt hat bei der Meldebehörde die Angabe „getrennt“ gemacht, weil seine Frau verhaftet war?

Die Familie lebt wohl so wie viele andere Sinti-Familien im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts: Als reisende Händler verdienen Maria und Franz Reinhardt ihren Lebensunterhalt, indem sie im bayerischen und württembergischen Schwaben Handel treiben, vermutlich mit Pferden, Haushaltsgegenständen, Bettwäsche, Tischdecken und ähnlichem. Die Kinder sind wohl mit unterwegs, gehen nur zeitweise oder gar nicht zur Schule. In der kalten Jahreszeit nimmt die Familie eine feste Wohnung oder bleibt in ihren Wagen auf einem „Zigeuner“-Lagerplatz. Schon in der Weimarer Republik sind die Sinti-Familien zahlreichen Kontrollen und Einschränkungen ausgesetzt. Nach 1933 verschärft sich dies erheblich, dazu kommen der Verlust der Bürgerrechte, Verfolgungsmaßnahmen und Inhaftierungen.

Franz Reinhardts Meldekarte dokumentiert zahlreiche Aufenthalte in Augsburg, u. a. am Predigerberg und in der Neuburger Straße, sowie Reisen zwischen Augsburg, Tübingen, Heilbronn und Höchstädt. es ist anzunehmen, dass seine Frau sich auch dort aufhät, jedenfalls bis zur Trennung. (Eine eigene Meldekarte für Maria Reinhardt findet sich im Stadtarchiv nicht.)

Laut Akten des Wohlfahrtsamts sind Maria und Franz Reinhardt im Jahr 1937 auf dem „Zigeunerplatz Kiernermühle“ an der Gersthofer Straße registriert.Die Geschäfte gehen offenbar schlecht; die Familie bezieht seit 1930 Unterstützung des Wohlfahrtsamts. In den Akten heißt es: „9 Wohnwagen u. Hütten; 35 Personen. Augsburger aus asozialen Familien, manche berüchtigt. Kein Trinkwasser, keine Sanitäranlagen, Schulbesuch kaum möglich, die Kinder krank. Das Amt empfiehlt, die Kinder wegzunehmen. Schandfleck für die Stadt.“ Nachtrag eines Mitarbeiters Mundt am 27.12.37: „Von den 22 Kindern waren 10 im Krankenhaus. Die Polizeidirektion will die Stadt bei Auflösung des Lagers unterstützen.“ Mundts Empfehlung: „Das Gewerbeamt soll keine Wandergewerbescheine mehr ausstellen.“ Der Amtsmitarbeiter hält also das berufliche Umherziehen und das Leben im Wohnwagen für ein Übel.

Im Januar 1938 wird die Familie Reinhardt benachrichtigt, dass sie wie die acht anderen Familien den Wohnwagenplatz verlassen müssen. Das Wohlfahrtsamt bietet Hilfe bei der Suche nach einer Unterkunft an. Am 7. März 1938 wird das Lager unter Mitwirkung von Polizisten aufgelöst.

Maria und Franz Reinhardt finden mit ihren beiden jüngeren Kindern Ferdinand und Marie Unterkunft im Gasthaus Sonne in der Weißstraße 1 bei Mathilde Huber. Maries Meldekarte sagt, dass sie am 21. März 1938 mit ihrer Mutter Maria dort eingezogen ist. Später, nach ihrer Inhaftierung im Konzentrationslager, gibt Maria Reinhardt auf der Häftlings-Personalkarte der KZ Ravensbrück und Buchenwald als Wohnsitz an „“Heilbrunn (vermutlich Heilbronn), Steiermarkstraße 15“. Aber es ist davon auszugehen, dass sie bis 1940 mit ihrem Mann in der Weißstraße 1 gewohnt hat.

Die Weißstraße in Augsburg, eine Nebenstraße der Donauwörther Straße. (Foto: Angela Bachmair)

 

Am 16. Januar 1940 wird Maria Reinhardt  in Augsburg von der Polizei festgenommen. Kurz darauf wird auch ihr Mann inhaftiert. Auf Franz Reinhardts Meldekarte steht ein Eintrag aus dem Jahr 1942:

„Nach polizeilicher Mitteilung vom 8. Mai 1942 befindet sich die Ehefrau seit 27 Monaten (also seit Februar 1940) in Vorbeugungshaft. Reichskrim. Pol. Amt Berlin C2 am Werderschen Markt 5/6, VII 893-H2b am 10.12.41.“ Und weiter: „Nach pol. Mitteilung vom 22. 9. 1942 befindet sich die Ehefrau noch im Konzentrationslager Ravensbrück, Meklenburg (sic)“. Vorbeugungshaft – das also ist Maria Reinhardt widerfahren, ein Instrument der NS-Willkür-Justiz, häufig bei Sinti und Roma angewandt.

Den Leidensweg der Maria Reinhardt dokumentiert eine Vielzahl von Unterlagen beim International Tracing Service Arolsen – Häftlingsverzeichnisse, Transportlisten, Arbeitskarten, Personalbogen, sogar Verzeichnisse des ihr abgenommenen Besitzes. Nach der Verhaftung in Augsburg am 16. Januar 1940 wird sie bis zum 9. April 1940 im Landgerichtsgefängnis Hof inhaftiert. Am 20. April 1940 liefert die Kriminalpolizei Augsburg sie ins KZ Ravensbrück ein. In der Häftlings-Personalkarte steht: „Grund: Zigeunerin. 44 Vorstrafen wegen Diebstahl, Betrug, grobem Unfug“. Eine Sintiza wie Maria Reinhardt unterlag zahlreichen Polizeikontrollen; auch Bagatelldelikte, die der Armutskriminalität zuzuordnen sind, liefen da schnell zu einem großen Vorstrafenregister auf. Nach den Gesetzen des NS-Staats konnte dann Vorbeugungshaft oder Sicherungsverwahrung angeordnet werden.  Im Lager muss Maria Reinhardt den schwarzen Winkel tragen, sie fällt unter die Haftkategorie „Schutzhaft, Arbeitsscheu Reich, Zigeunerin, Asozial, Berufsverbrecherin“.

Über vier Jahre lang ist sie im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert. Anschließend, nämlich am 13. September 1944, wird sie ins KZ Buchenwald verlegt, zusammen mit über 750 weiblichen Häftlingen, die als „Arbeitsscheue“ und „Zigeunerinnen“ inhaftiert sind, sowie mit russischen Zwangsarbeiterinnen.  Maria Reinhardt ist in drei KZ-Außenlagern eingesetzt, in den „Kommandos“  Schlieben, Altenburg und Taucha. Dort muss sie Zwangsarbeit für die Hasag Hugo-Schneider AG leisten, einen Rüstungskonzern, der von der SS verwaltete Zwangsarbeitslager unterhielt. In Schlieben zum Beispiel produzierte die Hasag Panzerfäuste in Akkordarbeit und unter starkem Arbeitsdruck. Arbeiter wurden misshandelt oder ermordet; wer nicht mehr arbeitsfähig schien, kam nach Auschwitz.

Aus den Verzeichnissen der Lager-Bürokratie, etwa aus Effektenlisten, geht hervor, was Maria Reinhardt bei ihrer Einlieferung ins KZ besaß: 6,32 Reichsmark, eine Schmucknadel und 2 Ohrringe. Auch die Kleidungsstücke, die sie trug, sind genau aufgelistet.

Maria Reinhardts Spur verliert sich in Buchenwald und seinen Außenlagern.  Beim ITS Arolsen gibt es kein Dokument, das ihren Tod belegt. Doch dass sie KZ-Haft und Zwangsarbeit überlebt hat, ist höchst unwahrscheinlich. Naheliegend ist, dass sie in einem der Zwangsarbeits-Kommandos  oder auf dem Todesmarsch zu Kriegsende starb. Ab April 1945 schickte die SS viele Buchenwald-Häftlinge auf Evakuierungsmärsche; unter den brutalen Bedingungen kamen Tausende  ums Leben. Falls Maria Reinhardt dennoch überlebt hätte, wäre sie bei Kriegsende 51 Jahre alt gewesen.

Angela Bachmair

Franz Reinhardt

Geboren

05.01.1898

Gestorben

10.08.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Kreszenz Winter

Geboren

16.12. (oder 04.) 1863

Gestorben

31.05.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Fischerholz

Ferdinand Reinhardt

Geboren

12.01.1923

Gestorben

03.11.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Johann Winter

Geboren

09.02.1891

Gestorben

09.11.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Fischerholz

Marie Reinhardt

Geboren

11.02.1924

Gestorben

13.01.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Sofia Anna Winter

Geboren

14.03.1917

Gestorben

13.05.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Feldstraße 30 oder Donauwörther Straße 83

Rupert Winter

Geboren

26.03.1897

Gestorben

01.07.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Donauwörther Straße 83

Archiv des ITS Bad Arolsen
– Arbeitskarte KZ Buchenwald
– Arbeitskarte KZ Ravensbrück
– Effektenverzeichnisse KZ Buchenwald
– Effektenverzeichnisse KZ
Ravensbrück
– Gefangenenbuch Haftanstalt Hof
– Zugangs- und Transportlisten
KZ Buchenwald
– Zugangs- und Transportlisten
KZ Ravensbrück

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarte (MK):
– MK Franz Reinhardt
– MK Marie Reinhardt

Akten des Wohlfahrtsamts
– Nr. 399

www.auschwitz.org (aufgerufen am 13.06.2106)

www.its-arolsen.org (aufgerufen am 13.06.2106)

Angela Bachmair, Wir sind stolz, Zigeuner zu sein, Augsburg 2014.

Guenter Lewy, Rückkehr nicht erwünscht, München/Berlin 2001.

Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid, Hamburg 1996.