Ludwig Dreifuß

Geboren: 28.08.1883, München

Gestorben: 15.04.1960, Murnau

Wohnorte

München
Augsburg, Frohsinnstraße 11
Augsburg, Frölichstraße 6
Augsburg, Oberen Graben 28
Augsburg, Frohsinnstraße 5 ½
Murnau, Eiblwiesweg 6 oder 9

Orte der Verfolgung

Deportation
am 20. Februar 1945
von Augsburg
über München-Milbertshofen
nach Theresienstadt

Weitere Informationen

Ein jüdischer Jurist in Augsburg

Der Augsburger Rechtsanwalt Ludwig Dreifuß hatte während der NS-Zeit doppelt zu leiden: Er war Sozialdemokrat und wurde als Gegner des NS-Regimes verfolgt. Und sein Schicksal zeigt, wie Juristen jüdischen Glaubens nach 1933 aus ihrem Berufsstand ausgegrenzt und um ihre Existenz gebracht wurden. Nach Kriegsende war Dreifuß kurze Zeit Oberbürgermeister von Augsburg.

Ab 1911 in Augsburg

Ludwig Dreifuß wurde am 28. August 1883 in München geboren. Die Eltern, der Kaufmann Samuel Dreifuß und seine Frau Ida, schickten ihn aufs humanistische Luitpoldgymnasium, in Erlangen und München studierte er anschließend Jura. 1911 ließ sich Dreifuß in Augsburg als Rechtsanwalt nieder, arbeitete zunächst in der Kanzlei Frommel und Thoma, ab 1913 dann in eigener Kanzlei in der Karolinenstraße D42. Von 1916 bis 1918 diente Dreifuß als Soldat im Ersten Weltkrieg, 1919 trat er in die SPD ein.

Schutzhaft

Aus seiner Ablehnung des Nationalsozialismus machte er nie ein Hehl, führte sogar Prozesse gegen Mitglieder der NSDAP. Schon im März 1933 wurde Ludwig Dreifuß für mehr als fünf Wochen in so genannte „Schutzhaft“ genommen. 1934 wurde er erneut im Gestapogefängnis am Katzenstadel inhaftiert, 1938 ein drittes Mal. Dazwischen musste er sich regelmäßig bei der politischen Polizei melden und vielfache Schikanen seitens der Gestapo ertragen. Als Anwalt konnte Ludwig Dreifuß noch bis 1938 praktizieren, wohl aufgrund eines „Frontkämpferprivilegs“, das jüdische Weltkriegsteilnehmer vorerst vom Berufsverbot verschonte. Doch im November 1938 wurde ihm die Zulassung entzogen. Bis Anfang 1945 durfte er noch als „Konsulent“ jüdische Klienten beraten, musste jedoch einen Teil seines Einkommens an die Reichsrechtsanwaltskammer abführen.

Deportation

Im Februar 1945 wurde der 62Jährige nach Theresienstadt deportiert. Bis dahin hatte ihn die so genannte „Mischehe“ mit seiner nichtjüdischen Frau Amalie vor der Deportation geschützt. Das Paar war seit 1921 verheiratet; 1922 wurde der Sohn Rolf geboren. Die Familie lebte zunächst in der Frohsinnstraße 11, ab 1934 in der Frölichstraße 6, im sogenannten „Maurergut“. Der Hausbesitzer Maurer sei oft gedrängt worden, „den Juden rauszuschmeißen“, erinnert sich der heute 90jährige Sohn von Ludwig und Amalie Dreifuß, aber Maurer habe sich stets geweigert. „Wenn ich mit meiner Mutter zu Maurers ging, um die Miete zu bezahlen, habe ich immer Schokolade geschenkt bekommen.“ Nach dem Krieg habe Ludwig Dreifuß dafür gesorgt, dass Maurers Haus nicht für die amerikanischen Besatzer requiriert wurde.

Den Sohn in die USA geschickt

Ihren 15jährigen Sohn Rolf konnten Ludwig und Amalie Dreifuß 1938 in die USA schicken. Der Sohn einer Cousine seiner Vaters, der in Kalifornien lebte, habe für ihn gebürgt, erzählt der alte Herr, der seinen Namen zu Ralph A. Dreike amerikanisierte und heute immer noch in Kalifornien lebt. „Ich wuchs dann aber bei einer anderen Familie auf; die Verwandten wollten keinen armen Flüchtling haben.“ Ralph A. Dreike machte seinen High School-Abschluss, begann mit dem Pharmazie-Studium, wurde aber bald zur Armee einberufen. Drei Jahre lang diente er, zuletzt war er in Okinawa stationiert, und dort erfuhr er von der Deportation des Vaters. Übers Rote Kreuz hatte die Mutter ihm einmal monatlich einen Brief zukommen lassen können, nicht länger als 25 Worte und meist verschlüsselt verfasst wegen der Zensur. „Vater ist jetzt auf Reisen“, stand da im Frühling 1945 drin, und da wusste der junge Mann Bescheid.

Zurückgeholt aus Theresienstadt

1944 waren Ludwig und Amalie Dreifuß in der Frölichstraße ausgebombt wurden. Nun durften sie nur noch bei Juden wohnen. Das Ehepaar Gutmann – der Mann ebenfalls jüdisch, die Frau christlich – nahm die Dreifußens in seine Wohnung am Oberen Graben 28 auf. Als Ludwig Dreifuß am 20. Februar 1945 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde, tauchte Amalie Dreifuß unter, aus Angst, sie würde auch abgeholt. Im Kloster der Englischen Fräulein konnte sie sich verstecken, bis die Amerikaner Augsburg befreiten.. Auch davon erfuhr Ralph A. Deike 1945 in Okinawa. „Der Geheimdienst teilte mir mit, dass man meine Mutter gefunden hatte.“ Bald darauf erhielt er einen Brief des amerikanischen Kommandeurs von Augsburg, Everett S. Cofran, er habe ein Auto nach Theresienstadt geschickt, um Ludwig Dreifuß heimzuholen.

Ende Juni 1945 kehrte Dreifuß aus Theresienstadt nach Augsburg zurück – schwer krank, auf 70 Pfund abgemagert und als einziger Überlebender von vier Geschwistern. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Erholungsheim ernannte ihn die Militärregierung im September 1945 zum Oberbürgermeister von Augsburg, als Nachfolger von Wilhelm Ott, den Stadtkommandeur Cofran entlassen hatte wegen angeblich unzureichender Mitwirkung bei der Entnazifizierung. Von 1946 bis 1948, nachdem die CSU die Stadtratsmehrheit gewonnen hatte, war Dreifuß zweiter Bürgermeister. Sofort nach der Zulassung der Parteien trat er wieder in die SPD ein, und 1946 wurde er Mitglied der verfassunggebenden Landesversammlung in Bayern. Auch als Anwalt war Dreifuß wieder tätig.

Gestorben in Murnau

Zwei Jahre nach Kriegsende sah Ralph A. Dreike seine Eltern wieder; er besuchte sie in ihrer neuen Augsburger Wohnung in der Frohsinnstraße 5 ½ (das Haus war in der NS-Zeit als „Judenhaus“ genutzt worden). Im Alter zogen Ludwig und Amalie Dreifuß nach Murnau, bezogen dort ein Haus im Eiblwiesweg 6 oder 9. In Murnau ist Ludwig Dreifuß am 15. April 1960 gestorben. Amalie Dreifuß zog zurück nach Stadtbergen bei Augsburg, wo sie 1981 starb.

Angela Bachmair

Mündliche Auskunft von Ralph A. Dreike

 

http://www.amerika-in-augsburg.de/index.php?id=1414

http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_BY_JU_dreifuss.pdf

http://www.stadtlexikon-augsburg.de/index.php?id=114&tx_ttnews[swords]=dreifu&tx_ttnews[tt_news]=3603&tx_ttnews[backPid]=115&cHash=5f9a9d8a65

Reinhard Weber, Das Schicksal der jüdischen Rechtsanwälte in Bayern nach 1933, München 2006.

Benigna Schönhagen, Zur Situation der Augsburger Juden nach der „Machtergreifung“, in:Michael Cramer-Fürtig und Bernhard Gotto (Hg.), „Machtergreifung“ in Augsburg. Anfänge der NS-Diktatur 1933-1937 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Augsburg Band 4), Augsburg 2008, S. 150-158.

Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung“. Die Rundbriefe des Augsburger Rabbbiners Ernst Jacob 1941-1949 (Material zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29, Augsburg 2007.