Liberat Hotz

Geboren: 17.01.1887, Augsburg

Gestorben: 04.05.1943, Auschwitz

Wohnorte

Göggingen, Glückstraße 17
Göggingen, Glückstraße 2 1/2
Augsburg, Haunstetter Straße 67a
Göggingen, Bahnstraße 7
Augsburg, Lindenstraße 5

Orte der Verfolgung

Transport
am 5. Mai 1938
von Augsburg
in das KZ Dachau

Weitertransport
am 2. März 1943
in das KZ Mauthausen

Überstellung
am 3. April 1943
in das KZ Gusen

Weitertransport
im Frühjahr 1943
nach Auschwitz

Erinnerungszeichen


Am 10. November 2017
wurde ein Erinnerungs-
band für Liberat Hotz
in der Lindenstraße 5
angebracht.

Weitere Informationen

Liberat Hotz ist das dritte Kind einer Augsburger Arbeiterfamilie. Am 17. Januar 1887 kommt er in Augsburg zur Welt. Er hat zwei ältere und zwei jüngere Brüder, auch eine um nur ein Jahr jüngere Schwester. Liberat wird katholisch getauft und nach seinem Vater benannt, Liberatus Hotz, einem Spengler und Monteur. Der ist viel ‚auf Montage‘ unterwegs, auch im Ausland; die Mutter hat weitgehend allein für die sechs Kinder zu sorgen.

Der Vater stirbt schon mit 45 Jahren, im Jahr 1904. Liberat ist da 17 Jahre alt. In der Schule hatte er wenig Erfolg; er kommt nur bis zur 5. Klasse. In einem Schulbericht wird er als „faul, flegelhaft, frühreif“ bezeichnet. Seine Arbeiten seien zwar oft gut gewesen, „aber nicht beharrlich“, wie ein Lehrer schreibt. Liberat scheint ein Junge gewesen zu sein, der kontinuierliche Zuwendung, Förderung und Forderung gebraucht hätte.

Nach der Schule beginnt er eine Spenglerlehre, will also den Beruf des Vaters ergreifen. Er macht aber keine Gesellenprüfung, weil er einen Diebstahl  begangen hat. Er geht von Zuhause fort; in Österreich schließt er sich eine Zeitlang einem Wanderzirkus an.  Danach verdient er seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter und mit Spenglerarbeiten.

Soldat im 1. Weltkrieg ist er offenbar nicht geworden – anders als sein jüngster Bruder Jakob, der in diesem Krieg sein Leben verliert. Zwischen 1917 und 1921 ist Liberat Hotz in Augsburg gemeldet – er wohnt in der Glückstraße 17 und 2 1/2 in Göggingen, in der Haunstetter Straße 67a, der Bahnstraße 7 und der Lindauer Straße 1, zieht mehrfach um. 1918, mit 31 Jahren heiratet er die 22jährige Josefa Bobinger, eine Arbeiterin („Winderin“)  in der Nähfadenfabrik (vermutlich Augsburg-Göggingen). Mit ihr hat er einen Sohn (Johann, geboren am 22. Juni 1919); außerdem noch mit zwei anderen Frauen außereheliche Kinder.

Immer wieder begeht Liberat Hotz Gelegenheits-Diebstähle, unter anderem raubt er mehrfach Opferstöcke in Kirchen aus. Immer wieder wird er wegen Diebstahl und unsittlichem Verhalten verurteilt und inhaftiert. 22 Vorstrafen und insgesamt 18 Jahre Haft  – unter anderem zweimal in der Haftanstalt Laufen an der Salzach – werden sich bis zu seinem 48. Lebensjahr ansammeln. Als Gründe für seine Verfehlungen führt Hotz gegenüber Richtern und Ärzten materielle Notlagen und Verführung durch schlechte Gesellschaft an. In einem kriminalbiologischen Gutachten für das Amtsgericht Augsburg beschreibt ihn Obermedizinalrat Theodor Viernstein im Jahr 1930 als „willensschwach und verbummelt“ und stellt eine „unbedingt ungünstige“ Prognose. Viernstein hat als Gefängnisarzt in den Zuchthäusern Kaisheim und Straubing in den 1920er Jahren die sog. „Kriminalbiologische Sammelstelle“ begründet, eine Sammlung von Daten über Häftlinge, die dann die Nationalsozialisten als Grundlage für Sicherheitsverwahrung oder so genannte „rassenhygienische Maßnahmen“ wie die Zwangssterilisation nutzen.

Anfang Mai 1933, drei Monate nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, kommt Liberat Hotz als „Schutzhäftling“ ins neu errichtete Konzentrationslager Dachau. Fast 20 Monate lang ist er dort inhaftiert. Kurz vor Weihnachten 1934 wird er entlassen. Zurück in Augsburg, wohnt er in der Lindenstraße 5, im Viertel Rechts der Wertach.

Schon bald nach Hotz‘ Entlassung aus dem KZ Dachau, im März 1935, eröffnet das Landgericht Augsburg ein „Strafverfahren wegen Diebstahl und Sicherungsverwahrung“ gegen Hotz. Für die Staatsanwaltschaft erstellt die bayerische kriminalbiologische Sammelstelle ein Gutachten. Liberat Hotz erscheint auf dem beigefügten Polizeifoto als zierlicher Mann, harmlos und fast unbekümmert wirkend. Das Gutachten bewertet Hotz als „ethisch defekten Menschen“ und  empfiehlt eine „dauernde Sicherheitsverwahrung“. Falls die unterbrochen werde, sei eine „Kastration zu befürworten“.

Liberat Hotz ist jetzt 48 Jahre alt. Er hat bisher offenbar ein Leben am Rand der Gesellschaft geführt, ein Leben, das immer wieder abweicht von geltenden Normen und Gesetzen. Zweifellos muss eine Gesellschaft Verfehlungen ahnden. Doch die Nationalsozialisten sehen jemanden wie Liberat Hotz als „Schädling“ an, der aus der Gesellschaft ausgestoßen und vernichtet werden soll. Wer immer wieder Diebstähle begeht, wird als „Berufs- oder Gewohnheitsverbrecher“ bezeichnet. Wer einer sozialen Randgruppe angehört,  arbeitslos, weniger leistungsfähig oder anpassungswillig ist als andere, wer in prekären Verhältnissen lebt und deshalb nicht selten die Gesetze übertritt, gilt als „Asozialer“.

Schon ab 1933 können solche Menschen als „polizeiliche Vorbeugungshäftlinge“ in Konzentrationslagern inhaftiert werden, und das Gesetz gegen Gewohnheitsverbrecher sieht eine dauernde Sicherungsverwahrung vor. Nach einem Erlass von 1937 kann im KZ eingesperrt werden, wer wiederholt Diebstähle begangen oder angeblich asoziales Verhalten gezeigt hat. Zur Inhaftierung im KZ reicht es zum Teil schon aus, dass jemand arbeitslos ist und zweimal eine vorgeschlagene Arbeitsstelle ausschlägt. Wer zur Sicherungsverwahrung verurteilt wird, den können die Behörden ab Herbst 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz schicken. Grundlage ist ein Erlass des NS-Justizministers, Häftlinge mit langen Haftstrafen oder Sicherungsverwahrung an die SS zur „Vernichtung durch Arbeit“ auszuliefern.

Wir müssen annehmen, dass Liberat Hotz nach dem Gutachten von 1935 vom Landgericht Augsburg zu Sicherungsverwahrung verurteilt wurde. Am 5. Mai 1938 wird er in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert, am 2. März 1943 in das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz. Seine dortige Häftlingsnummer ist 24241, in seinen Unterlagen ist als Haftgrund vermerkt „Schutzhaft, Sicherungsverwahrung, gewerbsmäßiger Einbrecher, Sittlichkeitsverbrecher“.  Am 3. April 1943 wird Hotz ins Kommando Gusen des Konzentrationslagers Mauthausen überstellt. Dort müssen die Häftlinge in den Steinbrüchen der SS-Firma Deutsche Stein- und Erdwerke Schwerstarbeit leisten. Eingesetzt werden zum großen Teil so genannte „Berufsverbrecher“; erklärtes Ziel ist die „Vernichtung durch Arbeit“.

Liberat Hotz bleibt nicht lang in Gusen, noch im Frühling 1943 wird er ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Seine dortige  Häftlingsnummer ist 19496. Am 4. Mai 1943 ist Liberat Hotz in Auschwitz verstorben. Der Totenschein vermerkt 19:10 Uhr als Todeszeitpunkt; eine Todesursache ist nicht angegeben.

Sein Name steht auf einer der Steinplatten im Ehrenhain für NS-Opfer auf dem Augsburger Westfriedhof.

Angela Bachmair

Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau
Zugangsbücher und Namenslisten
– NARA Alphab. Register Nr. 101
S. 063-064
– NARA Alphab. Register Nr. 102
S. 171-172

Archiv des ITS Bad Arolsen
– Zugangsliste KZ Mauthausen, 2. März
1943
– Zugangsliste KZ Gusen, 3. April 1943
– 1.1.6.1/0001-0189/0094 /0030

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA)
Bayerisches Oberstes Landesgericht (BayOLa)
– Kriminalbiologische Sammelstelle,
Akte 345

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarte (MK)
– Liberat Hotz

 

Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hg.), Sterbebücher von Auschwitz, 1995.

www.auschwitz.org (aufgerufen am 13.06.2016)
www.its-aolsen.org (aufgerufen am 13.06.2016)
www.wikipedia.org/wiki/Asoziale Nationalsozialismus (aufgerufen am 13.06.2016)

Wolfgang Ayaß, „Asoziale“ im Nationalsozialismus, Stuttgart 1995.