Fritz Farnbacher.
(Sammlung Gernot Römer, Stadtbergen)

Fritz Farnbacher

Geboren: 19.10.1885, Augsburg

Gestorben: 17.03.1943, Auschwitz

Wohnorte

Augsburg, Hochfeldstraße 31

Orte der Verfolgung

Deportation
am 8. oder 9. März 1943
von Augsburg
über München-Milbertshofen
nach Auschwitz

Weitere Informationen

Fritz Farnbacher wurde am 19. Oktober 1885 in Augsburg geboren. Er war der Sohn von Simon und Lina Farnbacher. Sein Vater war zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre und seine Mutter 21 Jahre alt. Über die frühen Jahre seines Lebens ist kaum etwas bekannt, da nur sehr wenige Informationen in Form von Akten in Archiven vorliegen. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg für das deutsche Kaiserreich und wurde mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Nach dem Krieg wurde Fritz Kassier in der Augsburger Ortsgruppe des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten.

Sein Vater Simon Farnbacher war ein angesehener Kaufmann, welcher das Geschäft „Wernecker & Farnbacher“ in der Hermanstraße 11 betrieb. Es war eine Kurz-, Galanteriewaren- und Spielzeughandlung. Die Firma war 1829 von Mathias Farnbacher, dem Großvater von Fritz, und Alexander Wernecker in Pfersee gegründet worden. Der Schwerpunkt des Geschäfts lag damals noch auf dem Verkauf von Pfeifenartikel auf Märkten. Als der Großvater am 26. Juli 1860 eine Matrikelstelle in Augsburg erhielt, zog die Familie in die Stadt.

1900 wurde Simon Farnbacher Alleininhaber der Firma, behielt aber den Namen des Unternehmens bei. Das Geschäftshaus in der Hermanstraße 11 wurde 1907 neu errichtet. Simon überschrieb die Firma an seine beiden Söhne Fritz und Otto, welche diese nach seinem Tod 1929 übernahmen.

Fritz Farnbacher heiratete die Münchnerin Frieda Reis, die 1918 nach Augsburg gezogen war und bis zur Hochzeit als Kindergärtnerin gearbeitet hatte. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Die Tochter Gertrud wurde 1919 und die Zwillinge Ernst und Rudolf am 1. April 1925 geboren. Nach der Heirat mit Fritz widmete sie ihre Zeit den Kindern und dem Haushalt. Kurz vor der Geburt der Zwillinge kaufte Fritz Farnbacher ein Haus in der Hochfeldstraße 31.

 

Frieda Farnbacher. (Sammlung Gernot Römer, Stadtbergen)
Frieda Farnbacher.
(Sammlung Gernot Römer, Stadtbergen)

 

Sein älterer Bruder Otto Farnbacher wohnte mit seiner Familie auch in Augsburg. Er war am 13. August 1884 geboren und mit Selma Heilberg verheiratet, die aus Meudt im heutigen Rheinland-Pfalz stammte und am 17. September 1901 geboren war. Ihre Kinder hießen Hans Matthias (1923-2002) und Kurt (1925).

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 gehörten die Brüder mit circa 100 Angestellten zu den großen Arbeitgebern in der Augsburger Innenstadt. In einem am 31. März 1933 veröffentlichtem Boykottaufruf der Nationalsozialisten wurde die Firma genannt. Fritz und Otto wehrten sich gegen die antisemitischen Angriffe mittels mehrerer Bestätigungen der IHK. Hierin wurden der gute Ruf und die Zuverlässigkeit der Inhaber bekräftigt.

Währenddessen hatte Gertrud mit ihrer schulischen Ausbildung an der Maria-Theresia-Schule zu tun, an der sie 1936 mit 16 Jahren ihren Abschluss machte. Um ihre Englischkenntnisse zu verbessern, ging sie anschließend in ein Schweizer Pensionat. Danach besuchte sie Lausanne, um dort ihre Kenntnisse der französischen Sprache zu verbessern. Nachdem sie ihre sprachlichen Weiterbildungen abgeschlossen hatte, besuchte sie 1938 eine Handelsschule in Berlin. Nach dem Novemberpogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zog Gertrud wieder nach Augsburg zurück, um ihre Familie zu unterstützen.

 

Gruppenfoto vor der Skihütte Alpe Rauhenberg bei Gunzesried mit Gertrud Farnbacher (vorne 9. v. l.) (Henry Landmann, New York, USA).
Gruppenfoto vor der Skihütte Alpe Rauhenberg bei Gunzesried mit Gertrud Farnbacher (vorne 9. v. l.).
(Henry Landmann, New York, USA)

 

Schon im September 1938 hatten Fritz und Otto Farnbacher ihr Geschäft und das Anwesen gezwungenermaßen unter Wert verkauft. Der Betrieb wurde von der Firma Grimm, Schmitt und Co. KG übernommen. Diese musste es 1940 an die NSDAP übereignen, da die Hermanstraße im Zuge des geplanten „Gauforums“ umgestaltet werden sollte. Das Wohnhaus in der Hochfeldstraße 31 hatte Fritz bereits im Januar 1938 veräußert. Die Familie konnte dort weiterhin leben, jedoch mit mehreren jüdischen Familien zusammen, da die Nationalsozialisten das Anwesen als sog. Judenhaus nutzten.

1939 gelang Gertrud durch eine Freundin, die sie während ihres Aufenthaltes 1936 in der Schweiz kennengelernt hatte, die Flucht nach England. Sie wurde von den Eltern der Freundin als Haushaltshilfe eingestellt, verdiente jedoch nur sehr wenig Geld. Sie setzte sich vehement für ihre Brüder ein, damit sie ein Platz in einem sog. Kindertransport nach England bekamen: „Ich nahm mir einen Tag frei und ging ins Bloomsbury House. Zuerst sagten sie, dass sie für meine Brüder nichts tun könnten, es seien keine Plätze mehr frei in den Kindertransporten. Nachdem ich in Tränen ausgebrochen war, änderten sie ihre Haltung und sagten zu, die Zwillinge in einem der Transporte unterzubringen. Sie kamen kurz vor Kriegsbeginn an“. Ernst und Rudolf waren zum Zeitpunkt des Transportes gerade 14 Jahre alt. Ihre Schwester beschrieb die beiden als „komplett verschieden“. Ernst war eher technisch-begabt und naturwissenschaftlich-denkend, Rudolf hingegen eher schüchtern und nachdenklich.

Die beiden Brüder konnten nicht bei Gertrud untergebracht werden, sondern wurden bei der Ankunft in England getrennt. Ernst wurde nach Leeds auf eine ORT-Schule (Organization for Rehabilitation through Training) geschickt, in der ihm und anderen jüdischen Jugendlichen Grundfähigkeiten in der Metallverarbeitung wie Schweißen oder Drehen beigebracht wurden. Rudolf wurde nach seiner in Deutschland begonnenen Bäckerlehre nach Birmingham geschickt. Dort machte er eine Ausbildung in einer Chemiefabrik. Alle drei Farnbacher-Kinder litten unter extremen Geldmangel und hatten Aufgrund ihrer deutschen Herkunft einen schweren Stand. Ernst litt an starken Depressionen und beging wahrscheinlich 1941 Selbstmord in Leeds. Rudolf nahm sich 1946 oder 1947 aufgrund von Depressionen ebenfalls das Leben.

Frieda musste vom 3. Februar 1942 bis zum 3. März 1943 Zwangsarbeit in der Ballonfabrik Augsburg leisten. Zehn Tage später wurden Fritz und Frieda Farnbacher nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet. Der Todeszeitpunkt wurde nach Kriegsende auf den 17. März 1943 festgelegt.

 

Grabstein von Simon und Lina Farnbacher auf dem Jüdischen Friedhof in der Haunstetter Straße in Augsburg. Hinweis auf die in Auschwitz ermordeten Fritz und Frieda Farnbacher (Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben).
Grabstein von Simon und Lina Farnbacher auf dem Jüdischen Friedhof in der Haunstetter Straße in Augsburg.
Hinweis auf die in Auschwitz ermordeten Fritz und Frieda Farnbacher
(Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben).

 

Otto Farnbacher und seiner Familie gelang es 1940 zu fliehen. Sie wanderten in die USA aus und Otto gründete in Dayton die Großhandlung Farnbacher & Co.

Gertrud Farnbacher siedelte 1951 von England in die USA über, wo sie heiratete. Sie studierte Psychologie und schloss mit einem Magistertitel ab.

Dies ist ein Auszug aus der Biografie, die von Benedikt Jung, Schüler des Oberstufenjahrgangs 2013/2015 am Paul-Klee-Gymnasium Gersthofen, im Rahmen des W-Seminars „Opfer der Judenverfolgung während der NS-Zeit im Raum Augsburg“ im Fach Geschichte erarbeitet wurde.

Ernst Farnbacher

Geboren

01.03.1925

Gestorben

vermutlich am 21.05.1941

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Hochfeldstraße 31

Rudolf Farnbacher

Geboren

01.03.1925

Gestorben

1946 oder 1947

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Hochfeldstraße 31

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
Amtsgericht Augsburg (AG Augsburg):
– AG Augsburg VI 629,630/49, Wiedergutmachungsakt

Gernot Römer (Hg.), In der Fremde leben meine Kinder… Lebensschicksale kindlicher jüdischer Auswanderer aus Schwaben unter der Naziherrschaft, Augsburg 1996.

Irmgard Hirsch-Erlund, Gernot Römer (Hg.), Irmgard. Eine jüdische Kindheit in Bayern und eine Vertreibung, Augsburg 1999.

Benigna Schönhagen, Die zweite jüdische Gemeinde von Augsburg 1861 – 1943, in: Michael Brenner, Sabine Ullmann (Hg.), Die Juden in Schwaben, Sonderausgabe, München 2013, S. 225-250.