Franz Reinhardt

Geboren: 05.01.1898, Gerolfingen/Bayern

Gestorben: 10.08.1943, Auschwitz

Wohnorte

Augsburg, Predigerberg
Augsburg, Neuburgerstraße
Augsburg, Weißstraße 1 Erdgeschoß bei Huber
Tübingen
Stuttgart
Heilbronn
Höchstädt
Mindelheim

Orte der Verfolgung

Auschwitz

Erinnerungszeichen

Am 4. Mai 2017 wurde ein Erinnerungsband für die Familie Reinhardt in der Donauwörther Straße 90 angebracht.

Weitere Informationen

Franz Reinhardt wurde am 5. Januar 1898 in Gerolfingen bei Dinkelsbühl geboren. Seine Eltern sind Karl Reinhardt und Bertha Reinhardt, geb. Schmidt (so steht es auf dem Totenschein). Auf Franz Reinhardts Meldekarte im Stadtarchiv Augsburg ist als Beruf „Händler“, als Religion „katholisch“, als Familienstand „getrennt lebend“ angegeben, und außerdem: „Zigeunermischling“. Er war verheiratet mit Maria Reinhardt, geb. Winter, geboren am 15. Mai 1894 in Münchsdorf bei Eggenfelden. Auf der Meldekarte steht: „Laut Mitteilung der Krim.Pol. ist die Ehefrau Zigeunermischling“.

Das Paar hat drei Kinder:
Sofia Anna, geb. am 14. März 1917 in Stuttgart-Haslach,
Ferdinand, geb. am 12. Januar 1923 in breitenbrunn bei Mindelheim, und
Maria, geb. am 11. Februar 1924 in Höchstädt an der Donau.

Die Familie lebte wohl so wie viele andere Sinti-Familien im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts: Als reisende Händler verdienen Franz und Maria Reinhardt ihren Lebensunterhalt, indem sie im bayerischen und württembergischen Schwaben Handel treiben, vermutlich mit Pferden, Haushaltsgegenständen, Bettwäsche, Tischdecken und ähnlichem. Die Kinder sind wohl mit unterwegs, gehen nur zeitweise oder gar nicht zur Schule. In der kalten Jahreszeit nimmt die Familie eine feste Wohnung oder bleibt in ihren Wagen auf einem  Lagerplatz. Schon in der Weimarer Republik sind die Sinti-Familien zahlreichen Kontrollen und Einschränkungen ausgesetzt. Nach 1933 verschärft sich dies erheblich, dazu kommen der Verlust der Bürgerrechte, Verfolgungsmaßnahmen und Inhaftierungen.

Franz Reinhardts Meldekarte dokumentiert zahlreiche Aufenthalte in Augsburg, u. a. am Predigerberg und in der Neuburger Straße, sowie Reisen zwischen Augsburg, Tübingen, Heilbronn und Höchstädt.

Laut Akten des Wohlfahrtsamts sind Franz und Maria Reinhardt mit ihren Kindern im Jahr 1937  auf dem Zigeunerplatz Kiernermühle an der Gersthofer Straße registriert. Franz Reinhardts Geschäfte müssen schon seit Längerem schlecht gegangen sein. Die Familie erhält seit 1930 Unterstützung durch das Wohlfahrtsamt der Stadt. So schreibt es ein Kriminal-Bezirkssekretär Wagner, der den Platz im Dezember 1937 kontrolliert,  in seinem Bericht. In den Akten heißt es weiter: „9 Wohnwagen u. Hütten; 35 Personen. Augsburger aus asozialen Familien, manche berüchtigt. Kein Trinkwasser, keine Sanitäranlagen, Schulbesuch kaum möglich, die Kinder krank. Das Amt empfiehlt, die Kinder wegzunehmen. Schandfleck für die Stadt.“ Nachtrag eines Mitarbeiters Mundt am 27.12.37: „Von den 22 Kindern waren 10 im Krankenhaus. Die Polizeidirektion will die Stadt bei Auflösung des Lagers unterstützen.“ Mundts Empfehlung: „Das Gewerbeamt soll keine Wandergewerbescheine mehr ausstellen.“ Der Amtsmitarbeiter hält also das berufliche Umherziehen und das Leben im Wohnwagen für ein Übel.

Im Januar 1938 wird die Familie Reinhardt benachrichtigt, dass sie wie die acht anderen Familien den Wohnwagenplatz verlassen müssen. Das Wohlfahrtsamt bietet Hilfe bei der Suche nach einer Unterkunft an. Am 7. März 1938 wird das Lager unter Mitwirkung von Polizisten aufgelöst.  Franz und Maria Reinhardt finden mit ihren Kindern Unterkunft im Gasthof Sonne an der Weißstraße 1, der von Mathilde Huber geführt wird und in dem immer wieder Sinti Wohnung nehmen. Wahrscheinlich gibt es dort auch die Möglichkeit, Pferde und Wagen unterzustellen. Die älteste Tochter Sofia ist 21 Jahre alt, hat schon ein Kind (den 1937 geborenen Gabriel)  und lebt nicht mehr bei den Eltern. Aber die beiden jüngeren Kindern, Ferdinand und Marie,  15 und 14 Jahre alt, sind noch bei ihnen.

Der letzte freiwillige dokumentierte Wohnsitz von Franz Reinhardt ist im April 1940 in Augsburg Weißstraße 1/0 bei Huber.

Die Weißstraße in Augsburg, eine Nebenstraße der Donauwörther Straße. (Foto: Angela Bachmair)

 

Seine Frau Maria,  von der Franz Reinhardt laut Meldekarte getrennt ist, lebt  offenbar auch in der Weißstraße 1 (das sagt die Meldekarte von Tochter Marie).  Am 16. Januar 1940 wird Maria Reinhardt verhaftet. Kurz darauf, Anfang Februar 1940,  nimmt die Polizei auch Franz Reinhardt fest. Sinti können im NS-Unrechtsstaat aus vielerlei Gründen in die Fänge der Polizei geraten – weil sie arbeitslos sind und damit als „asozial“ oder „arbeitsscheu“ bezeichnet werden; weil sie reisen, um ihrem Gewerbe als ambulante Händler nachzugehen, obwohl ihnen das seit Heinrich Himmlers Festsetzungserlass von 1939 verboten ist; weil die Willkürmaßnahmen der „vorbeugenden  Verbrechensbekämpfung “ auf sie angewandt werden. Ohnehin haben ihnen die  „Nürnberger Rassengesetzen“ ihre Bürgerrechte genommen.

Das Gefangenenbuch der Haftanstalt Augsburg dokumentiert, dass Franz Reinhardt vom 8. Februar bis zum 9. März 1943 in der Haftanstalt Augsburg eingesperrt war. Am 9. März 1943, 10.45 Uhr, wird er „entlassen, Bestimmungsort Auschwitz“. So steht es im Gefangenenbuch der Haftanstalt Augsburg. (Auf seiner Meldekarte ist vermerkt, dass er von Augsburg am 9. März 1943 zunächst ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert wurde. Beim International Tracing Service Arolsen heißt es, dass er direkt nach Auschwitz deportiert wurde.)

In jedem Fall wurde er ein Opfer der von Himmler angeordneten großen zweiten Deportation der Sinti und Roma im Frühling 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz. Dort war er vermutlich mit Tausenden anderen Sinti und Roma im so genannten Zigeuner-Familienlager in Auschwitz-Birkenau untergebracht, unter unvorstellbar schlechten Lebensbedingungen. Wahrscheinlich begegnete Franz Reinhardt hier seinen Kindern, Sofia Anna, Ferdinand und Marie, seinen Enkelkindern Gabriel, Karl und Roswitha, seiner Schwiegermutter Kreszenz Winter und seinen Schwagern Rupert und Johann Winter. Sie alle wurden ebenfalls im März 1943 aus Augsburg nach Auschwitz deportiert, kamen am 14. bzw. 16. März 1943 im Lager an. Franz Reinhardts Häftlingsnummer ist 3186, Zigeuner D. R. (Deutsches Reich).

Nur fünf Monate lang konnte Franz Reinhardt unter den unmenschlichen Lager-Bedingungen am Leben bleiben. Er  starb  am 10. August 1943. So ist es in einem der Meldekarte beigefügten Brief festgehalten. Die Mitteilung des Sonderstandesamts Bad Arolsen stammt vom 24. Februar 2000. Auf dem Totenschein, der im Archiv Arolsen liegt, steht als Todesursache eine der von den Lagerärzten in Auschwitz immer wieder benutzte Einheits-Diagnose: Darmkatarrh bei Körperschwäche.

Angela Bachmair

Maria Reinhardt, geb. Winter

Geboren

15.05.1894

Gestorben

Datum nicht bekannt

Letzter freiwilliger Wohnort

vermutlich Augsburg, Weißstraße 1

Sofia Anna Winter

Geboren

14.03.1917

Gestorben

13.05.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Feldstraße 30 oder Donauwörther Straße 83

Ferdinand Reinhardt

Geboren

12.01.1923

Gestorben

03.11.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Marie Reinhardt

Geboren

11.02.1924

Gestorben

13.01.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Weißstraße 1

Archiv des ITS Bad Arolsen
– Gefangenenbuch Haftanstalt Augsburg
– Sterbeurkunde KZ Auschwitz
– Zigeunerbuch KZ Auschwitz

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarte (MK)
– MK Franz Reinhardt

– Akten des Wohlfahrtsamts Nr. 399

 

Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hg.), Sterbebücher von Auschwitz, 1995.

www.auschwitz.org (aufgerufen am 13.06.2106)
www.its-arolsen.org (aufgerufen am 13.06.2106)

Angela Bachmair, Wir sind stolz, Zigeuner zu sein, Augsburg 2014.

Guenter Lewy, Rückkehr nicht erwünscht, München/Berlin 2001.

Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid, Hamburg 1996.