Julius Raff (Sammlung Gernot Römer, Stadtbergen)

Dr. Julius Raff

Geboren: 09.03.1868, Jebenhausen

Gestorben: 12.11.1942, Theresienstadt

Wohnorte

Jebenhausen
München
Berlin
Breslau
Augsburg, Prinzregentenstraße 7/III
Augsburg, Kaiserstraße 47/I
Augsburg, Frohsinnstraße 21
Augsburg, Bahnhofstraße 18 1/5
Augsburg, Halderstraße 8

 

Orte der Verfolgung

Deportation
am 5. August 1942
von München-Milbertshofen
nach Theresienstadt

Erinnerungszeichen


Am 10. November 2017 wurde
ein Erinnerungsband für
Dr. Julius und Paula Raff
in der Frohsinnstraße 21
angebracht.

Weitere Informationen

Julius Raff kam am 9. März 1868 als Sohn des Kaufmanns Albert Raff (1829 – 1890) im württembergischen Jebenhausen, das heute ein Stadtteil von Göppingen ist, zur Welt. Nach dem Abitur begann er 1886 ein Medizinstudium in München und leistete beim dortigen Landsturm auch seinen Militärdienst. 1891 schloss er das Studium erfolgreich ab. Seine Dissertation aus demselben Jahr beschäftigt sich mit der Therapierbarkeit von Schuppenflechte und trägt den Titel: „Die Behandlung der Psoriasis mit Aristol“.

Um sich zum Facharzt weiterzubilden, ging Julius Raff 1892 nach Berlin. Dort arbeitete er ein Jahr in der Privatklinik des Dermatologen Max Joseph (1860 – 1932). Von 1893 bis 1896 vervollständigte Julius Raff seine Ausbildung bei dem bekannten Spezialisten für Haut- und Geschlechtskrankheiten Josef Jadassohn (1863 – 1936) am Allerheiligen-Hospital in Breslau. Jadassohn entfaltete dort eine rege Publikationstätigkeit, an der auch Julius Raff beteiligt war. So steuerte er mehrere Aufsätze für die erste deutsche Fachzeitschrift für Dermato-Venerologie, das „Archiv für Dermatologie und Syphilis“ (gegr. 1869), bei.

Im Januar 1896 ließ sich Julius Raff dann in Augsburg als Spezialist für Haut- und Geschlechtskrankheiten nieder. Er eröffnete eine Privatpraxis in der Grottenau 3. Beruflich etabliert, heiratete er 1902 in Reutlingen die Fabrikantentochter Paula Baruch (geb. 1880) aus Hechingen. Das Paar bekam drei Kinder: Margarete Josefine (1903), Hans Albert (1905) und Gertrud Babette (1912).

Im Ersten Weltkrieg leitete Julius Raff ab Januar 1915 als vertraglich verpflichteter Zivilarzt die Station für Geschlechtskrankheiten des Augsburger Reservelazaretts B im Hof der Elias-Holl-Schule. Der junge Bertolt Brecht, dessen Vater mit Dr. Raff befreundet war, diente dort als Militärkrankenwächter. Sein „Lied an die Kavaliere der Station D“ gibt die Erlebnisse im Lazarett in satirischer Form wieder. Julius Raff, für seine Verdienste inzwischen zum Sanitätsrat ernannt, nutzte die dort gesammelte Erfahrung zu Aufklärungszwecken. Am 5. September 1919 eröffnete er eine Ausstellung für die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten im Café Maximilian. Anhand von Wachsnachbildungen informierte die Ausstellung die Augsburger Bürger über Ursachen und Verlauf von Geschlechtskrankheiten.

Auch an die jüdische Gemeinde gab Dr. Raff sein Wissen weiter. So hielt er auf Einladung der Vereinigung für das liberale Judentum und des Jüdischen Jugendvereins Augsburg 1929 einen Vortrag zum Thema „Juden in der Medizin“. Ein Zuhörer notierte: „Trotz der Möglichkeit eines Boykotts hegt aber Herr Dr. Raff für die Zukunft keine Befürchtungen, wenn die jüdischen Ärzte fortfahren, mit Eifer und Geschick ihren Beruf auszuüben.“

Aus der Möglichkeit eines Boykotts wurde nur vier Jahre später Wirklichkeit. Am 1. April 1933 postierten sich auch in Augsburg SA- und SS-Männer vor jüdischen Geschäften, Anwaltskanzleien und Arztpraxen, um Kunden am Betreten zu hindern. Diesem ersten Schritt der Ausgrenzung sollten zahlreiche weitere folgen. Immer stärker wurden Juden gezwungen, sich selbst Ersatz für verlorene Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilnahme zu organisieren. So fanden in Augsburg jüdische Sportler aller Disziplinen, die aus ihren Vereinen ausgeschlossen worden waren, bei der Privaten Tennisgesellschaft Augsburg (PTGA) ein neues Zuhause. Der sportliche Leiter dieser „Insel im braunen Meer“ war bis zu ihrer Zwangsauflösung 1938 Julius Raff.

 

Julius Raff (rechts) mit dem PTGA-Vorsitzenden Joseph Landmann, 1938.
(Sammlung Gernot Römer, Stadtbergen)

 

Als 1938 allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen wurde, war Dr. Raff bereits in Rente. Anfang 1937 hatte er seine Privatpraxis aufgegeben und zog im Oktober 1937 in das gerade neu eröffnete Seniorenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Frohsinnstraße 21. Doch der sorglose Ruhestand war nur von kurzer Dauer. Nach dem Novemberpogrom 1938 beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Gebäude und ließen das Altersheim räumen. Julius Raff und seine Frau Paula kamen in verschiedenen „Judenhäusern“ unter, zuerst in der Bahnhofstraße 18 1/5 und seit März 1939 in der Halderstraße 8.

Während ihren Kindern noch die Flucht in die USA gelang, wurden die Eheleute Raff am 5. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Dr. Julius Raff am 12. November 1942. Paula Raff wurde im Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht und dort ermordet.

Michael Spotka, Dr. Julius Raff, in: Benigna Schönhagen und Michael Spotka, Augsburgs jüdische Ärzte im Nationalsozialismus. Ein Stadtrundgang, Augsburg 2016.

Paula Raff

Geboren

18.01.1880

Gestorben

Datum nicht bekannt

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Frohsinnstraße 21

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Abt. IV Kriegsarchiv Kriegsstammrollen (eingesehen bei http://www.ancestry.de/):
– Bd. 20034 KStR

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
Bestand Finanzmittelstelle Augsburg:
– R8
– R10
– R23

Bestand Wiedergutmachungsbehörde für Schwaben (W.B. V):
– W.B. V a 855 (1-2)

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Bestände Familienbögen und Meldekartei

 

Einwohnerbuch der Stadt Augsburg 1920, Augsburg 1920.

Einwohnerbuch der Stadt Augsburg 1932, Augsburg 1932.

Bayerische Israelitische Gemeindezeitung,
Ausgabe I/1930, München 1930, S. 11.

Jürgen Hillesheim, „Ich muß immer dichten“. Zur Ästhetik des jungen Brecht, Würzburg 2005.

Gernot Römer, Ein fast normales Leben. Erinnerungen an die jüdischen Gemeinden
Schwabens, Ausstellung der Stiftung Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, Augsburg 1995.

Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung“. Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941 – 1949. Mit einem Beitrag von Walter Jacob (Materialien zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007.

Michael Spotka, Dr. Julius Raff, in: Benigna Schönhagen und Michael Spotka, Augsburgs jüdische Ärzte im Nationalsozialismus. Ein Stadtrundgang, Augsburg 2016.